Vorigen Sommer ging eine Greisin aus Thüringen, die Tochter und Enkelkinder in der Bundesrepublik besuchen wollte, über die "grüne Grenze". Auf dem Rückweg lief sie einer Volkspolizeistreife in die Arme, wurde festgenommen und in eine Arrestzelle gesteckt. Dort las sie, in die Wand geritzt, den erschütternden Spruch: "Hier sitz’ ich, als Deutscher von Deutschen gefangen, weil ich von Deutschland nach Deutschland gegangen."

Deutscher in Deutschland zu sein – Pankow macht es jenen, die in seinem Machtbereich leben, immer schwerer. Die ganze Erbärmlichkeit dieses Regimes ist jetzt wieder in den Urteilen offenbar geworden, die es gegen eine Studentengruppe der Jenaer Universität und einige mitteldeutsche Jungarbeiter gefällt hat: Weil sie sich über die Gestalt eines künftigen, wiedervereinigten Deutschlands Gedanken gemacht hatten, wurden sie wegen "vollendeten Staatsverrats" zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt.

Im Zuchthaus büßen diese jungen Deutschen nun dafür, daß sie daran gedacht haben, in einem wiedervereinigten Deutschland die Verstaatlichung auf die Grundstoffindustrien zu beschränken, die schwere körperliche Arbeit der Frauen abzuschaffen, die unrentablen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften aufzulösen und freie Wahlen zu fordern, bei denen sich SPD und KPD als selbständige Parteien um die Gunst der Wähler bewerben sollten. Staatsverrat.

Ähnliche Ideen haben einst Wolfgang Harich, den ehemaligen Professor an der Ostberliner Humboldt-Universität, ins Zuchthaus gebracht. "Aber der Geist ist ein Wühler", hat schon Jacob Burckhardt gesagt, und die Ideen Harichs und seiner Gesinnungsgenossen kann man nicht umbringen. Auch dann nicht, wenn jene, die den Mut zum Denken aufbringen, in den Kerker geworfen werden – von Deutschen zu Sträflingen gemacht, weil sie als Deutsche an Deutschland gedacht... ts