Ich wußte nicht, wie ein Marlin aussieht, es war mir gleichgültig. Aber Hemingway selbst hat dafür gesorgt, daß wir ihn in dem Film „Der alte Mann und das Meer“ zu sehen bekommen. Er bestand darauf. Es hat die Filmleute viel Geld gekostet, denn es ist nicht leicht, diesen Riesenfisch zu finden und an die Angel zu bekommen. Auch wer sich noch nie für den Hochsee-Angelsport interessiert hat, wer kein Fischer und kein Seemann ist, erlebt hier männlichen Jagdrausch und die Niederlage, wenn auch nur vom Kinosessel aus. Denn Hemingway, der Fachmann, läßt den alten kubanischen Fischer Santiago nicht nur zwei Tage und zwei Nächte den Kampf mit dem großen Schwertfisch bestehen, er läßt ihn auch mit Hemingwayschen Worten erklären, was es heißt, zwei Tage lang allein auf See einen solchen Fisch zu bekämpfen, wenn man ein Herz und noch ein Gefühl für das Tier hat, das man mit List verführte. In Spencer Tracy kann der Betrachter, wenn er nur Geduld hat, den alten Santiago erkennen, der schließlich den Marlin, der größer ist als sein Boot, außenbords festmachen kann und den er dennoch, weil ihn die Haie anfallen, nur als Skelett nach Hause bringen wird: Immerhin ist es ein bißchen viel verlangt von Kamera und Schauspieler: Meterlang und minutenlang Bilder vom alten Fischer im einsamen Boot auf hoher See, denn der Fisch will ja nicht so schnell heraufkommen. Auch an einen ausdrucksvollen Kopf gewöhnt man sich schnell. Aber Natur ist hier keine Kulisse, wie meistens. Das Meer und der handelnde Mensch sind eine Synthese eingegangen.

Dieser verfilmte Hemingway ist nicht nur der überzeugendste von allen, er ist unter den Filmen ein überraschender Außenseiter, der selbstgefällige Kinoeffekte vermeidet und, obwohl er manche Partien der schlichten Geschichte in brillante Über- und Unterwasseraufnahmen umsetzt, den geistigen Gehalt und epischen Stil des Buches zu bewahren sucht und mehr vom Wort als vom Bild lebt. Ein Außenseiter wie der Film „Die acht Geschworenen“. Ein Mann und ein Fisch sind die Hauptdarsteller, mehr nicht.

Ein großer homerischer Atem liegt am Anfang über den weiten, farbig delikaten Bildern der stillen See, und das Geschehen erlebt man im wesentlichen dadurch, daß der Sprecher die besten Sätze aus diesem Buch spricht (und manchmal sagt sie auch der alte Mann im Selbstgespräch). In dem ewigen Kampf des Menschen mit der Natur und mit sich selbst leuchten die Grundthemen des Dichters Von Liebe, Tod, Zerstörung und Selbstüberwindung auf. Auch die schweren Akkorde der Alterseinsamkeit sind in Begegnungen des alten Mannes mit dem Fischerjungen (vielleicht etwas zu verhalten Felipe Pazos) angeschlagen, der ihn zu einem Bier einlädt und ihm zu essen gibt. Der Alte „war zu einfältig, um sich zu fragen, warum er diesen Zustand der Demut erlangt hatte. Aber er wußte, er hatte ihn erlangt, er wußte, es war nicht entehrend, und es brachte nicht den Verlust echten Stolzes mit sich.“ Aber hier, unter den Einfachsten und Ärmsten von Kuba, wo Hemingway lebt, fehlt nicht der Trost und das Mitleid der Nachbarn und Mitmenschen. Sie sind hilfsbereit und „sprechen so höflich miteinander“.

Das Filmtempo ist mit Bedacht und mit Recht so gezügelt, daß das Wesentliche doch wirksam wird, was bei dem Dichter zwischen den Zeilen liegt und auch auf der Breitwand nur manchmal, in einer Stimmung der aufgehenden Sonne über dem Meer etwa, ausgedrückt werden kann. Nur die Filmmusik (Dimitri Tiomkin) ist zu billig und stört die Einheit, die dieser Film hätte haben können, der sogar in monoton wiederholten, verschwimmenden Überblendungen Träume und Erinnerungen des alten Mannes überzeugend einschaltet.

John Sturges war der behutsame Regisseur des Films, nachdem der berühmte Fred Zinnemann (wir kennen von ihm „Zwölf Uhr mittags“ und „Verdammt in alle Ewigkeit“) schon am Anfang die Weiterarbeit abgelehnt hatte, weil Hemingway, der übrigens als törichter Tourist am Schluß kurz persönlich auftritt, andere, sehr präzise Vorstellungen hatte als der Regisseur. Die europäische Erstaufführung findet im „Filmstudio“ in Hamburg statt.

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„Die nackte Wahrheit“ (jetzt in Hamburg). „Ein Mords-Lustspiel im Stile von Ladykillers“ kündigt sich an. Seit dem unglaublichen Erfolg dieses Films werden die englischen Gruselkomödien, die das Lachen mit Gänsehaut erzeugen, eifrig in deutsche Großstadtkinos geliefert. Zwar tritt Alec Guinness nicht auf, und ohne ihn und überhaupt fehlen einige Grade der Meisterschaft.

Aber einer der fünf Mörder, Peter Sellers, ein bemerkenswerter Komödiant, ist hier Sonny Mac Gregor, eine längst fällige Parodie auf einen allzu selbstgefälligen, fingernägelkauenden Fernsehstar. Außerdem begegnen wir einem sanften Erpresser, der Karikatur einer Detektivromanautorin, einem jugendlichen ölmagnaten aus Texas und Lords, Ladies und Berühmtheiten der Bühne (auch Alec Guinness wird genannt), die ruiniert werden sollen. Ein Magazin, das ihre unbekannten (es bleibt offen, ob vorhandenen) „Affären“ veröffentlichen will, dient als Zielscheibe der Satire auf ein amerikanisches Skandal-Magazin, das jüngst übles Aufsehen erregte. Die verzweifelten Erpreßten verlieren nicht den Mut. Sie versuchen, Gleiches mit Gleichem heimzuzahlen und werden selbst – zwar stümperhafte – Verbrecher. Die Pointen knattern. Die Handlung ist nicht so wichtig. Die kriminalistischen und grotesken Szenen sind so treffsicher, schnell und witzig gemischt, daß noch Klamauk das Lachen schürt. Vergnügt und frech wird hier mit hintergründigem Humor allerlei Zeitgeschehen beleuchtet. Virtuos und gelassen wird Gesellschaftskritik eingeflochten. Leider ist das hierzulande nicht nachahmbar, obwohl es neuerdings manche Ansätze gibt. Erika Müller