Von Franeeseo Kneschaurek

Die Entwicklung der amerikanischen Börse hat seit Oktober letzten Jahres einen recht ungewöhnlichen, von den meisten Börsenfachleuten auch nicht erwarteten Verlauf genommen. Es gibt wohl einige Erklärungsgründe für diese Entwicklung; sie lassen sich aber kaum aus der Perspektive des vorwiegend kurzfristig denkenden und handelnden Börsenspezialisten erfassen!

Es fällt zunächst auf, daß die amerikanischen Unternehmungen seit einiger Zeit ihren "externen" Finanzbedarf nicht mehr durch neue Aktienemissionen, sondern in zunehmendem Maße durch Obligationen zu decken versuchen. Der Grund hierfür ist steuerpolitischer Natur. Der Fiskus zwingt, wie in der Bundesrepublik, geradezu die Unternehmer zu einer solchen Neuorientierung ihrer Finanzpolitik; gemäß den herrschenden Steuergesetzen können nämlich die Obligationszinsen vom steuerbaren Gewinn abgezogen werden, die Dividenden dagegen nicht. Dadurch ist der Bestand an Aktien und daher auch das potentielle Angebot an der Börse in der letzten Zeit mehr oder weniger stationär geblieben, während umgekehrt die Nachfrage nach Aktien außerordentlich stark gestiegen ist. Diese ungewöhnliche Steigerung der Nachfrage nach Aktien in Zeiten rückläufiger Konjunktur und Unterbeschäftigung ist auf verschiedene Gründe mehr struktureller als konjunktureller Natur zurückzuführen.

Wie in den meisten europäischen Ländern, nimmt auch in den USA die Bedeutung der privaten und öffentlichen Versicherungs- und Fürsorgeinstitutionen als Sammelbecken von Ersparnissen und zugleich als Investoren zu. Im Gegensatz jedoch zu den Verhältnissen in europäischen Ländern müssen die amerikanischen Versicherungsinstitutionen ihre Mittel nicht vorwiegend in "mündelsicheren Papieren" anlegen, sondern können auch in weiterem Maße Aktien erwerben. Die Kapitalanlagen der privaten Pensionskassen erhöhen sich beispielsweise allein um 4,3 bis 4,5 Mrd. Dollar pro Jahr; davon werden gut 30 v. H. in Aktien angelegt. Ähnliches gilt auch für die anderen Versicherungsinstitutionen.

Die Anlagepolitik dieser Investoren ist ziemlich unabhängig vom jeweiligen Konjunkturverlauf. Tatsächlich tätigen die Versicherungs- und Fürsorgeinstitutionen ihre Aktienkäufe nicht sprunghaft auf Grund spekulativer Überlegungen, sondern laufend aus Gründen der langfristigen Kapitalanlage. Die stark gestiegene Nachfrage nach Aktien von Seiten dieser (finanziell mächtig expandierenden) Investoren hat denn auch wesentlich zur Kurssteigerung an der Börse seit dem letzten Oktober beigetragen.

Ebenso wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß die amerikanische Börse im Begriff steht, in wachsendem Maße vom "kleinen Mann" beherrscht zu werden.

Die Zahl der Teilnehmer am Börsengeschäft hat sich in den Vereinigten Staaten, im Durchschnitt der letzten Jahre, um rund 500 000 Personen jährlich erhöht. Der Gesamtbestand an "Stockholders" (Aktionären) überschreitet zur Zeit bereits die neun Millionen. Es besteht kein Zweifel darüber, daß diese Millionen von Kleininvestoren durch ihre Aktienkäufe die gegenwärtige Hausse mitverursacht haben.