Eine Wahl, bei der Wähler und Gewählte auf Lebenszeit bestellt sind

Von Theodor Eschenburg

Auch für den nur an weltlicher Politik Interessierten ist das Verfahren der Papstwahl eine wahre Fundgrube tiefgründiger juristischer Überlegungen und historischer Erfahrungen. Es gibt in der ganzen Welt keine Wahlordnung, die so gründlich das Wahlverfahren in allen Einzelheiten durchdacht hat. Und es gibt niemand, der die menschlichen Schwächen so genau kennt und berücksichtigt und gleichzeitig Vorkehrungen trifft, um sie nicht zur Auswirkung kommen zu lassen, wie die Kirche. Professor Theodor Eschenburg schildert hier das Verfahren in allen Einzelheiten. Unsere Zeit, die dazu neigt, die Formen zu verachten, übersieht leicht, daß es sehr wohl Formen gibt, die die Bedeutung einer Entscheidung bewußt zu machen vermögen und die darum geeignet sind, das Verantwortungsgefühl zu steigern – dies wird in der nachfolgenden Schilderung sehr deutlich

Von allen heute gültigen Wahlverfahren ist das der Papstwahl weitaus das älteste. Seit 1058, also seit 900 Jahren, wählen – abgesehen von wenigen Ausnahmen – die Kardinäle den Papst. Bis dahin war die Wahl im Wege per Akklamation durch den Klerus und das Volk von Rom erfolgt, was praktisch bedeutete, daß die römische Laienaristokratie oder die deutschen Kaiser als Vorschlagende und Machthaber den entscheidenden Einfluß ausübten.

Nun hatten zwar seit 1058 päpstliche Dekrete die allein Wahlberechtigten bestimmt, aber das Wahlverfahren im einzelnen war noch nicht geregelt, vor allem nicht, welche Mehrheitsart eine gültige Wahl herbeizuführen vermöchte. Die Kirchenjuristen hatten seit langem die Theorie entwickelt, daß die Majorität nicht nur von der Quantität, sondern auch von der Qualität der abgegebenen Stimmen abhänge. Man sprach von "major et sanior pars", dem größeren und zugleich gesünderen Teil, der entscheidungsbefugt sein solle. Die Quantität kann man durch das Zählen der Stimmen messen, nicht aber die Qualität. Sie festzustellen, ist eine Ermessensfrage.

Erfinder der Zweidrittelmehrheit

Die Minderheit durfte eine Abt- oder eine Bischofswahl bei einem Übergeordneten anfechten, der dann die Bestätigung erteilen oder versagen konnte und der damit der eigentlich Entscheidende war. Dieses Recht beanspruchten bei der Papstwahl die deutschen Kaiser für sich. Die Päpste aber wollten einen Richter über sich nicht dulden. Die Kirchenjuristen fanden die -Lösung darin, daß ein sehr bedeutendes, von den meisten auf eine Zweidrittelmehrheit festgelegtes Übergewicht der Zahl ausreiche, weil man wohl annehmen könne, daß in einer solchen Majorität die "sanior pars" enthalten sei.