Modernes Mäzenatentum

Von Walter Abendroth

Ökonomisch gesehen ist alle Kunst ein parasitärer Luxus. Sie hat noch niemals aus eigener Kraft existieren können, da das Gesetz von Angebot und Nachfrage insofern zu ihren Ungunsten entscheidet, als sie keiner allgemein-wirksamen Lebensnotwendigkeit und keinem allgemein-wirksamen Bedürfnis entspringt. Nur eine Minderheit von Menschen wird sie jemals unentbehrlich finden und bereit sein, für ihr Gedeihen materielle Opfer zu bringen. Kein Wunder daher, daß sie schon immer unter solchen Staatsformen am meisten blühte, deren Träger Sinn für den Wert des Überflüssigen hatten und ihre Freigebigkeit (oder auch Verschwendungssucht) nicht vor einer argwöhnischen Majorität von Steuerzahlern zu verantworten brauchten.

Mit anderen Worten: die Kunst, als ein aristokratisches Phänomen, hatte in monarchischen Gemeinschaftsordnungen von jeher ein selbstverständlicheres Daseinsrecht als in demokratischen. Das Gesetz der Demokratie ist der Wille der Mehrheit, und die Mehrheit fragt nicht nach der Schönheit des Zwecklosen, sondern nach der Zweckmäßigkeit des Schönen. Und unter "Zweckmäßigkeit" versteht das mehr und mehr merkantilisierte Denken immer ausschließlicher: unmittelbare Nützlichkeit für das praktische Leben und rechnerische Rentabilität. Deren Ansprüchen aber genügt der massenhaft erzeugte Kunstersatz, der dem Unterhaltungs- und Behaglichkeitsbedürfnis der Menge von diensteifrigen Kulturmanagern täglich hingeworfen wird. Was erwartet da noch die luxuriöse Kunst? Was verspricht sich noch der auf seine "Freiheit" eifersüchtige Künstler?

Gewiß, auch der autonome Staat, der an die Stelle des selbstherrlichen Fürsten getreten ist, betrachtet es (eben im Hinblick auf die aristokratische Vergangenheit) als ein Gebot der Repräsentation, die Kunst zu fördern. Aber der Künstler scheut das Mäzenatentum des Staates – mit Recht, wie vielfältige Erfahrungen gelehrt haben. Wie stark sich diese dem Bewußtsein eingeprägt haben, konnte man kürzlich auf dem Münchner Schriftstellerkongreß spüren: mit bemerkenswerter Heftigkeit wurde dort mehrfach dafür plädiert, dem Staat gegenüber moralische Ansprüche, sachliche Forderungen anzumelden, anstatt an sein Mäzenatentum zu appellieren, hinter dem stets die Gefahr der geistigen Freiheitsberaubung lauere.

Brot und Freiheit gleichzeitig

Die oberste Tugend jeden Mäzenatentums, das diesen ehrenden Namen verdienen will, ist: daß es zwar dem Künstler ein Tätigkeitsfeld verschafft, ihm aber völlige Freiheit für die Entfaltung seiner Begabung läßt. Die sonst oft so despotisch gearteten fürstlichen Mäzene haben aus einem glücklichen Instinkt heraus in diesem Punkte selten versagt. Vielleicht auch, weil sie das Aristokratische der Kunst und das Autokratische im Künstler als sich selbst verwandt anerkannten und respektierten. Sogar bei den Geldfürsten der Renaissance war es noch so. Bei den Gewalthabern von heute ist es anders – weil sie nun wirklich nichts Fürstliches mehr an sich haben. Lorenzo, der Mediceer, konnte sich den "Erlauchten" nennen lassen. Ein erlauchter Adolf Hitler läßt sich schwer vorstellen ...