Wenn es Nacht wird, beginnt die "Herrschaft der Lederjacken". Wenigstens denken sie, daß es so ist – die jungen Leute, die wenn es Abend geworden ist, in dunkelrotes oder braunes Lederzeug gehüllt, mit aufheulenden Motoren von den Städten ins Land hinausbrausen. Sie sind dem Laster des Jahrhunderts – der Geschwindigkeit – bedingungslos verfallen. Ihr schrecklicher Aberglaube ist, zu meinen – die Obrigkeit sei nicht motorisiert.

Auch junge Mädchen sind mit von der Partie. Und der Motorsport kostet viel Geld. Der Bremer Wirtschaftssenator Hermann Wolters wurde letzte Woche auf dem Markt der Bonner Altstadt von drei jugendlichen Banditen niedergeschlagen und seiner Barschaft in Höhe von 800 DM beraubt. Wolters lag fast eine Stunde besinnungslos, bevor Passanten ihn fanden. Wichtiger Hinweis der Polizei: der Haupttäter trug eine Lederkombination, wie Motorradfahrer sie tragen.

Also auch hier wieder: die "Lederjacken". Die Polizeiberichte allüberall im Land sind voll von solchen gefährlichen Übergriffen jugendlicher Banditen. Ihr Radius ist durch die Motorisierung ziemlich groß. Daß sie in Rudeln auftreten, macht alles so gefährlich. Sie verteilen Anerkennung nach der "Kühnheit" der Taten. Das ergibt den Straßenraub aus Angabe.

Ein Platz irgendwo am Rande der Stadt ist das Hauptquartier der "Lederjacken". Das Mondlicht funkelt auf den Chromteilen der Motorräder. Einige verspätete "Freunde" schwirren an mit Mädchen auf dem Soziussitz. Ein kleines Kofferradio streut Schlager in die Nacht. Man tanzt im Mondlicht. Da sickert aus dem Radio ein wildes Lied. Das Fremde, Abenteuerliche bemächtigt sich der Gemüter. Man möchte etwas "erleben". Gewiß, da sind die Mädchen. Aber was ist das schon. Mit knatternden Motoren (an den schallmindernden Auspufftöpfen haben sie herumgebastelt) brausen sie fort.

Gewiß ist es nur ein winziger Bruchteil von Jugendlichen, die zu solchen Banden gehören und straffällig werden. Aber aus den örtlichen Polizei- und Gerichtsberichten geht hervor, es sind zuviel. Was diese Umherrasenden zudem, wenn sie sich auf ihren Motorrädern in den Verkehrsstrom der Straßen mit Caracho einfädeln, an Unfällen erzeugen, wurde noch nicht gezählt.

Wer zugesehen hat, wie diese Jugendlichen sich bei Razzien benehmen, dem kommen alle Erkenntnisse und Deutungen der gewiß ehrenwerten Jugendpsychologie im Handumdrehen abhanden und er neigt der Meinung zu, daß nichts so vonnöten ist, als daß man Jiu-Jitsu lernt, damit man sich wenigstens im Handgemenge behaupten kann.

Natürlich gibt es auch "echte Tragödien" in dieser Welt der alleingelassenen Jugend. Wegen der Empfindlichkeit unserer heutigen Zeit möchte der Chronist ausdrücklich betonen, daß natürlich nicht alle Jugendlichen auf Motorrädern – selbst wenn die Herren die aparten Lederjacken, wie es die Mode befiehlt, tragen – zu irgendeiner Bande gehören. Der Chronist ist ein Freund von Motorrädern und Lederjacken. Nur überfahren und ausrauben läßt er sich nicht gern.

Karl N. Nicolaus