Die Volksschule und ihre Lehrer – Seite 1

Von Fritz Blättner

Professor Dr. Fritz Blättner ist Ordinarius und Direktor des Instituts für Pädagogik an der Universität Kiel. Seine "Geschichte der Pädagogik" gilt als Standardwerk. Zusammen mit O. Bollnow, J. Dolch, W. Flitner und E. Weniger gibt er die "Zeitschrift für Pädagogik" heraus. Wir freuen uns, hier die Stellungnahme eines so hervorragenden Gelehrten abdrucken zu können zu einer Kontroverse, die wir vor einigen Wochen bewußt angeregt hatten. Wie wir es ja überhaupt, in diesem Falle wie auch in anderen Fällen, für unsere Aufgabe halten: die Dinge zur Sprache zu bringen.

Mit einer gewissen Regelmäßigkeit tauchen in der Presse Leserbriefe auf, die besagen, daß die Volksschule früher besser gewesen sei und daß die schlechteren Leistungen der heutigen Schule mit der "akademischen" Bildung ihrer Lehrer zusammenhingen. Die älteren, seminaristisch gebildeten Lehrer hätten das Notwendige und Richtige getan, die akademische Bildung der heutigen Lehrer hätte falsche Ansprüche und Unruhe in die Schulen getragen. Man solle zur Seminarbilcung zurückkehren, weil damit auch das Nachwuchsproblem gelöst sei. Das war auch die Meirung eines großen Führers, der 1941 das Seminar wiederhergestellt und die Absicht geäußert hatte, nach dem Krieg die kriegsversehrten Unteroffiziere als Lehrer zu verwenden. In diesen weitverbreiteten Anschauungen spricht sich so viel gefährliches Unverständnis aus, daß es notwendig geworden ist, der Öffentlichkeit einige Tatsachen in die Erinnerung zu rufen – nicht um sie zu belehren (wer ist belehrbar?), sondern um denen zu Hilfe zu kommen, die für unser wichtigstes Bildungsinstrument, die Volksschule, verantwortlich sind.

Die Gebildeten unter ihren Verächtern (die "Ungebildeten" achten sie hoch) pflegen mit der Volksschule nur wenig in Berührung zu kommen. Sie selber verdanken ihre Bildung den Gymnasien und Hochschulen; die Volksschule hat ihnen, wenn überhaupt etwas, nur die Fertigkeiten des Lesens und Schreibens und das Einmaleins vermittelt.

Das bringt sie (als Grundschule) auch ihren Kindern bei, auch ihren Lehrlingen im Büro – aber leider nicht bis zur genügenden Perfektion. Also ... siehe oben! Es steht aber hier etwas auf dem Spiel. Darum darf ich an Folgendes erinnern:

Von zehn Kindern, die miteinander in die Grundschule eintreten, bleiben acht in der Volksschule, eines durchläuft die höhere, eines eine Mittelschule. So sieht, schematisch vereinfacht, die Wirklichkeit aus.

Diese Kinder, acht Millionen von zehn Millionen, die Mehrheit aller heute lebenden Menschen also verdankt – nicht Lesen, Schreiben und Rechnen – sondern ihre Bildung, ihr Weltverständnis, ihre Kulturfähigkeit der Volksschule und der auf ihr aufbauenden Berufsschule.

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Es hat freilich einmal eine Zeit gegeben, in der die Elementarschule mit gutem Recht nur Fertigkeiten vermittelte: als die Familie noch bäuerliche Familie und Glied der kirchlichen Gemeinde war. Heute, da sie beides weithin nicht mehr ist, sind der Schule die Aufgaben der Weltorientierung, der Arbeitserziehung und der Charakterbildung zugefallen, die Aufgaben einer umfassenden menschlichen Bildung also. Das muß, da die Kontakte mit der Wirklichkeit in der modernen städtischen Familie fast ganz fehlen, in den vier, fünf Jahren geleistet werden, die zwischen dem zehnten und fünfzehnten Jahr zur Verfügung stehen, zu einer Zeit also, da die Kinder dafür im Grunde noch nicht reif sind.

Die Klage ist alt: Wir entlassen die Kinder aus der Schule, wenn sie gerade anfangen, ihren Charakter zu entwickeln, einen Blick für die Aufgaben im Leben zu bekommen. Daher haben wir das neunte Schuljahr eingeführt und werden wir auch das zehnte anstreben müssen, vielleicht nicht für alle, aber für die Lebendigsten.

Man kann sich nicht vorstellen, welcher Menschentyp heranwüchse, wenn der Jugend nur Lesen, Schreiben und elementares Rechnen beigebracht würde. Daß man der großen Mehrzahl auch einen Zugang zu naturwissenschaftlichem, geschichtlichem und staatlichem Verständnis der Welt und ihres Lebens in ihr eröffnen muß – allen ohne Unterschiede der Begabung oder der späteren Lebensschicksale – das wird jeder Denkende zugestehen, besonders wenn er weiß, wie wenig davon die Familie und leider auch die Kirche heute zu geben vermögen. Wer auf die Darbietungstechniken hinweisen wollte, müßte bedenken, daß Rundfunk, Film und Presse das Verständnisniveau des Publikums voraussetzen, daß sie nämlich mit ihm sinken oder steigen.

Und nun die Lehrer. Um die Jahrhundertwende gab es Seminare und geistliche Schulaufsicht. Diese stammte aus der Anfangszeit der Volksschule, als die Pfarrer noch die Lehrer der (dörflichen) Gemeinde waren. Das sind sie heute nicht mehr. Was früher die "Gemeinde" vermittelte, erwarten Millionen heute von der Schule und ihren Lehrern.

Einst wurden diese Lehrer auf ihre Aufgabe vorbereitet, indem man ihnen in den Seminaren eine gründlichere Allgemeinbildung und die methodischen Künste des Lehrens beibrachte. Das war so lange sinnvoll, als das System der Bildungsgehalte allgemeingültig feststand und als die Pädagogik allgemeingültig war wie Ethik und Psychologie, die in Leitfadenform, dogmatisch abgekürzt, ein festes Bild des Lebens und der menschlichen Entwicklung darbieten konnten.

Aber wie die Ordnungen des Lebens sind auch die erzieherischen Aufgaben in die Wandlung geraten, die Kinder sind nicht mehr Bauernkinder, denen mit etwas Lesen, Schreiben und Rechnen geholfen wäre, sondern werdende Arbeiter, Angestellte, Techniker und Kaufleute, denen in diesen entscheidenden Jugendjahren ein Bild ihrer Welt und der Zugang zur Kultur dieser neuen Welt erschlossen werden muß.

Da sich diese Aufgabe von Jahrzehnt zu Jahr-, zehnt, manchmal von Jahrfünft zu Jahrfünft ändert, ist dem Lehrer mit Leitfadenwissen nicht mehr gedient. Er muß imstande sein, die Dinge selber zu sehen, an den Problemen selber mitdenkend teilzunehmen.

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Er wird Religionsunterricht nur erteilen können, wenn er an die theologische Problematik herangeführt wurde, er wird die Elemente des wissenschaftlichen Weltbildes, die Fähigkeiten des künstlerischen Schaffens vermitteln können, wenn er den pädagogischen Sinn dieses Bemühens selbständig denken und gestalten kann.

In der Tat haben die Aufgaben der Religionspädagogik, der Volksbildung, der Kunsterziehung, der staatsbürgerlichen Erziehung menschlich und politisch eine derartige Bedeutung gewonnen, daß man die Träger dieser Aufgaben mit der höchsten Sorgfalt auf sie vorbereiten muß. Das kann aber nur an Hochschulen geschehen, die den reifen jungen Menschen an die Aufgaben selbst heranführen, ihn die Argumente, die Nöte, die Lösungsmöglichkeiten mitdenken lehren.

So müssen die pädagogischen Hochschulen Schulen des pädagogischen Gewissens sein, die in sorgfältiger Überprüfung der Praxis des Lehrens und Erziehern eine Theorie dieser Aufgaben erarbeiten, in der dem werdenden Lehrer der künftige Wirkungskreis sichtbar ist.

Rezepte helfen hier gar nichts mehr. Wer nicht imstande ist, die Aufgabe als Ganzes mitzudenken und ihre täglich sich vollziehenden Wandlungen erzieherisch sorgend mitzuvollziehen, taugt zu diesem Berufe nicht – oder hat die für ihn notwendige Bildung nicht erhalten.

Eine Rückführung der Lehrerbildung auf die seminaristische, schulmäßige Form ist von der Sache her ganz undenkbar. Aber auch vor den Menschen, die sich dieser schweren Aufgabe der Volksbildung unterziehen, sollte man sich schämen, einen solchen Gedanken auszusprechen. Wenn man ihnen die Berufssouveränität verweigern will, die sie zur wahren Meisterschaft in ihrem Tun benötigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn sich die jungen Menschen von einem Berufe abwenden, der ihnen keine menschliche Existenz ermöglicht.

Wir mögen – zum Problem des Nachwuchses – den Satz von F. Th. Vischer bedenken, der in der Paulskirche gesagt hat: "Wir müssen den Lehrern Würde und Ehre geben und diejenige äußere Stellung, die ihnen gebührt." Das gilt heute wie damals, oder mehr als damals. Kein Aufgaben-, kein Berufskreis braucht und verdient so die Achtung und das Vertrauen aller wie die Lehrer und die Volksschule. Wer unter den Gebildeten sie verachten möchte, wird es nur tun können, wenn er sich sorgfältig bemüht, von der Treue in einer schweren Aufgabe und den hervorragenden Leistungen nicht Kenntnis zu nehmen.