Von G. Sello

Die Kunsttheorie schießt üppig ins Kraut. Bilder und Skulpturen dienen heute den Theoretikern, die mit dem Material selbstherrlich umspringen, auswählen, systematisieren und mit einem großen Aufwand an Worten und einer oft bestechenden Logik eine Linie der Entwicklung konstruieren.

Unter diesem Aspekt interessiert immer nur das jeweils Neueste, das Werk, das die konstruierte Entwicklungslinie in der anvisierten Richtung fortsetzt. Was aber geschieht mit den Künstlern, die nicht so malen, wie es die Theorie verlangt? Sie haben ihre Unabhängigkeit mit einem Mangel an öffentlichem Beifall zu bezahlen.

Es handelt sich hier um den Maler Hanns Hubertus Graf von Merveldt und seine neuen Temperabilder, die bis Ende Oktober bei Helmut von der Höh in Hamburg ausgestellt sind. Er repräsentiert den Typ des Künstlers, mit dem die Kunstdoktrinäre nicht viel anfangen können, weil sich die Bilder nicht in einem Entwicklungsschema unterbringen lassen. Nicht einmal unter dem Begriff Realismus oder gar Neuer Realismus sind sie, trotz ihrer "Gegenständlichkeit", einzuordnen. Was sich in diesen Bildern manifestiert, ist keine irgendwie zu benennende Richtung, sondern eine Haltung,

Merveldt ist Westfale, 1901 in Coesfeld gehören. An den Westfalen rühmt oder tadelt man gern ihre Dickköpfigkeit. Gewiß ist Merveldt nicht unbeeinflußt geblieben von dem, was um ihn herum gemalt wurde. Er hat das aufregend Neue, nach den keineswegs aufregenden Studienjahren an der Karlsruher Akademie, in Berlin (1923–1926) und noch intensiver in Paris erlebt. Die Spätphase des deutschen Expressionismus und die Pariser peinture haben ihn beeindruckt, aber nicht umgeworfen.

Er arbeitet langsam und gründlich, und er läßt ein Bild getrost ein Jahr oder noch länger im Atelier stehen, bis er es wieder vornimmt und zu Ende malt. Er malt Landschaften, Figurenbilder, Porträts, und er hat durchaus nicht den Ehrgeiz, diesen Motiven, die zum traditionellen Themenkreis der europäischen Malerei gehören, mit Gewalt neuartige oder extravagante Momente abzugewinnen. Es geht ihm darum, im Bild etwas zugleich Objektives und Persönliches zu realisieren, eine Ordnung zu finden, in der die Dinge ausgewogen, aus dem Zustand flüchtiger Beweglichkeit in einen Zustand des Bleibens gebracht sind.

Ausgewogene, geordnete, gebaute Bilder – in den italienischen Städten, die Merveldt in den letzten Jahren besuchte, diesen steil übereinandergetürmten, streng umgrenzten Häuserblocks fand er die Idee der Bildarchitektur gleichsam vorgeformt, und er brauchte (in seinen Sepiazeichnungen) das Gegebene nur noch weiterzutreiben, zu vereinfachen, umzubauen, bis das Bild nicht nur eine Architektur wiedergab, sondern in sich selbst das Gesetz der Statik verwirklichte.