Von Günter Blöcker

Ingeborg Bachmann ist eines der erstaunlichsten literarischen Phänomene der Nachkriegszeit. Mit einem einzigen Gedichtband, Die gestundete Zeit (1953), hat diese Österreicherin sich an die Spitze der jungen deutschen Lyrik gestellt; ein zweiter Band, Anrufung des Großen Bären, folgte drei Jahre später. Inmitten der Geschmäckler und Anempfinder, der lyrischen Wanderprediger, der Bildungspoeten und Gräserbewisperer, der Rilke-, Benn-, Eliot-, Paul Eluard- und sonstigen Epigonen ist es ihr gelungen, einen unverwechselbaren Eigenton zu entwickeln. Wie niemand sonst unter denen, die heute in deutscher Sprache Gedichte machen, hat sie die Fahrt auf die "ungangbaren Wasser" gewagt und ist mit Versen zurückgekehrt, die in ihrer rauhen Musikalität, ihrer kühnen Metaphorik und ihrer hämmernden Eindringlichkeit ganz ihr Eigentum sind.

Das Verwunderlichste an diesen Gedichten ist, daß sie bei aller prononcierten Intellektualität keineswegs esoterisch wirken. Ihre Geistigkeit ist anschaulich gemacht, ist in die Sinnlichkeit einer unmittelbar überzeugenden Bildersprache übersetzt worden – Verse nicht nur eines eminenten lyrischen Kunstverstandes, sondern auch einer Natur. Nur so erklärt sich die starke Resonanz, die sie auch bei einem breiteren, lyrischen Experimenten nicht unbedingt zugeneigten Publikum gefunden haben.

Noch auf einem anderen Wege hat Ingeborg Bachmann das Publikum erreicht – durch ihre Hörspiele. Ihre neueste Arbeit auf diesem Gebiet

Ingeborg Bachmann: "Der gute Gott von Manhattan – Hörspiel"; R. Piper Verlag, München; 88 S., 2,50 DM,

liegt jetzt gedruckt vor. Der interessierte Hörer hat also Gelegenheit, sein Hörerlebnis ("Der gute Gott von Manhattan" wurde im Mai dieses Jahres gleichzeitig von München, Hamburg und Baden-Baden gesendet) lesend zu wiederholen und zu überprüfen.

Es hat gewiß seinen Grund, daß gerade Lyriker sich mit Glück im Hörspiel versucht haben, dieser ja noch verhältnismäßig unerforschten literarischen Form. In der Tat steht das echte Hörspiel – wir sprechen nicht von verfunkten Romanen oder für das Radio eingerichteten Bühnenstücken – dem Gedicht nahe. Es ist eine aus Stimmen, Worten und Klängen gefügte Partitur, die – im Idealfall – weder reale Menschen noch reale Situationen vorzutäuschen sucht. Sobald das Hörspiel das tut, gibt es zu erkennen, daß es sich selbst nicht verstanden hat. Denn wo Menschen auftreten und in konkreten Situationen agieren, wollen wir sie auch sehen. Das landläufige Hörspiel gibt damit seine Schwäche preis: es verweist auf das, was es gerade nicht leisten kann.