Damit sich die Grundkonzeption der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft verwirklichen läßt, bedarf es in allen Teilnehmerländern stabiler Währungen und einer weitgehenden Liberalisierung des Geld- und Kapitalverkehrs", wurde in der vergangenen Woche auf dem Bankiertag in Köln gesagt. Um aber einen Gleichklang auf währungs- und finanzpolitischem Gebiet zu erreichen, genügt sicherlich nicht allein die Beachtung der geltenden Verträge – wiewohl das eine der Grundvoraussetzungen ist; dafür sind zusätzliche Anstrengungen erforderlich.

Es ist heute Allgemeingut, daß der währungspolitische "Gleichschritt" in Europa ungleich problematischer ist als vor dem ersten Weltkrieg. Die Lage hat sich gegenüber damals genau ins Gegenteil verkehrt. Vor 1914 gab es unter den europäischen Staaten starke politische Spannungen, während wirtschaftlich ein System freiwilliger Übereinstimmung der jeweils Verantwortlichen hinsichtlich der Spielregeln der nationalen und internationalen Währungs-, Wirtschafts- und Finanzpolitik die Zusammenarbeit erleichterte. Heute ist das politische Zusammengehen im westlichen Europa weitgehend erreicht, aber die: Schwierigkeiten im wirtschaftlichen Bereich sind, ungleich größer geworden. Das zeigt sich bereits innerhalb der Volkswirtschaften, aber mehr noch im internationalen Rahmen.

Der 9. Deutsche Bankiertag, .,der nach zwanzig. Jahren zum erstenmal überhaupt und nach einer-Pause von 30 Jahren erstmals wieder in einer freien Wirtschaft stattfand, stellte eine Fülle von Aufgaben und Problemen des Bankgewerbes im Jahre 1958 zur Diskussion. Daß nicht nur Themen aus dem Tagesgeschäft des Bankiers behandelt werden, gehört zur Tradition dieses Wirtschaftszweiges, der bei seinen repräsentativen Zusammenkünften ganz bewußt auf einen kurzfristigen Turnus verzichtet und damit die Aussagekraft seiner Sprecher erhöht. Während vor 30 Jahren auf dem Bankiertag die Last der Reparationsverpflichtungen im Vordergrund der Erörterungen stand und hierzu von berufener Seite wesentliche Erkenntnisse der Öffentlichkeit vermittelt wurden, fanden in diesem Jahre die aus der europäischen Integration für die Währungs- und Kreditpolitik erwachsenden Fragen und Aufgaben ihren ausgereiften Niederschlag.

Der Bankiertag 1958 fand die internationale Beachtung, die dem deutschen Bankierstand zukommt, die aber wohl auch weitgehend – und daran ist der Privatbankier ja immerhin nicht ganz unbeteiligt – der Stellung der D-Mark gilt. Die Begleitmusik für die diesjährige Veranstaltung ist trotz einiger weniger Dissonanzen voller Harmonien. Eine harte Währung und ein wieder intakter Kapitalmarkt sind unbestreitbare Erfolge, die erreicht werden konnten. Daß trotzdem noch Wünsche der Bankiers offen sind, liegt auf der Hand. Es wird gelegentlich noch darüber zu sprechen sein. Es versteht sich, daß gerade mit Rücksicht auf die Stabilität der westdeutschen Währung die möglichen Einflüsse des Gemeinsamen Marktes eine entscheidende Rolle im Programm des Bankiertages spielten...

Bankier Hermann J. Abs zitierte in seinem Vortrag zum Thema "Geld und Kredit in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft" einen Ausspruch Prof. Müller-Armacks, wonach der Prozeß der Integration Europas gelegentlich eine Strapaze sei. Zusätzliche Strapazen auf dem Gebiet der Währung aber – so betonte Abs unter dem Beifall der Festversammlung – ließen sich nicht zu denjenigen zählen, die im Interesse des größeren Zieles auch nur vorübergehend erduldet werden dürften. Der pessimistischen These – die etwa von Prof. Röpke vertreten wird –, es bestehe die Gefahr, daß die weiche Währungs- und Finanzpolitik zur allgemeinen Marschroute erhoben würden, hielt Abs entgegen: "Sollten Staaten mit stabilen Finanzen und Währungen tatsächlich einmal vor der Wahl stehen, ob sie sich wirtschaftlich mit defizitären und inflationären Ländern zusammenschließen oder nicht und wäre bei Bildung einer Gemeinschaft mit dem Verlust der eigenen Stabilität zu rechnen, dann sollte in der Tat auf die Gemeinschaft verzichtet werden. Wäre sie durch eine gemeinsame Inflation gekennzeichnet, dann könnte sie weder politisch noch sozial und wirtschaftlich die ihr zugedachten Zwecke erfüllen." Der Widerstand gegen das Übergreifen der Geldentwertung eines Vertragspartners auf andere Währungen sei im übrigen auch mit dem Geist und dem Buchstaben des Vertrages voll vereinbar.

Die Beachtung dieses Grundsatzes setzt voraus, daß das Vertrauen in die Währung in allen beteiligten Ländern da ist. Bankier Abs ist offenbar wohl doch pessimistischer als er zuzugeben geneigt war. Es gebe keine Gewißheit dafür, so betonte er, daß die beteiligten Länder in den nächsten Jahren großen Belastungen ihrer Währungen entgehen und daß sie den Versuchungen einer Politik, die mit Stabilität nicht vereinbar ist, widerstehen könnten. Dazu bedürfe es einer "manchmal sehr fühlbaren Beschränkung in Zielen und Aufgaben" bei den Beteiligten. Jedenfalls wäre wohl eine weitere Verwirklichung des Gemeinsamen Marktes zunächst unmöglich, wenn es zu einer größeren Geldentwertung in einem Nachbarland käme.

Die Idee, am Ende der Übergangsperiode zum Gemeinsamen Markt ließe sich an Stelle der nationalen Notenbanken eine Zentralbank der sechs Länder schaffen mit einer einheitlichen Währung, wurde als Utopie bezeichnet. Solange ein nicht geringer Teil der Souveränität auf sozial-, wirtschafts- und finanzpolitischem Gebiet bei den einzelnen Nationen bleibe, werde auch eine von Land zu Land verschiedene Zentralbankpolitik zu betreiben sein. Ingrid Neumann