Die westdeutsche Chemie zeigt gewisse Abschwächungstendenzen. Während die Umsatzsteigerung im ersten Halbjahr 1957 gegenüber der Vergleichszeit 1956 14 v. H. betrug, wurden in diesem Jahr nur 4 v. H. erreicht. Dagegen machte die Umsatzzunahme der deutschen Gesamtindustrie allerdings nur 2,5 v. H. Gegenüber diesen Zahlen liegt die Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brunning, Frankfurt (Main)-Höchst, recht gut. Zwar wird auch dieses Unternehmen die Umsatzsteigerung von 1957 mit damals 18,9 v. H. nicht wieder erreichen, doch werden die Daten der allgemeinen Chemieentwicklung erheblich überschritten werden. Aber es werden Grenzen sichtbar, die beachtet werden müssen. Die Zahl der Belegschaftsmitglieder – sie beträgt 43 573 Köpfe – läßt sich nicht mehr erheblich vermehren. Das Arbeitskräftereservoir ist praktisch ausgeschöpft. Vorstandsvorsitzender Prof. Winnacker sagte hierzu, daß die vorhandenen Arbeitskräfte rationell ausgenutzt wercen müssen, natürlich nicht durch ein Antreibersystem, sondern durch ein sehr sorgfältiges Studium der einzelnen Arbeitsplätze. Aber auch die Zeit ständig starker Lohnerhöhungen geht ihrem Ende entgegen. Im laufenden Jahr sind die Ausgaben für Löhne und Gehälter bei einer nur leicht erhöhten Belegschaft (42739 Ende 1957) allerdings nochmals um 9 v. H. gestiegen.

Das ist eine natürliche, durch den Normalisierungsprozeß der Wirtschaft bedingte Entwicklung. Von einer "Recession" kann jedenfalls, zumindest was Hoechst angeht, keine Rede sein. Selbstverständlich gibt es in den einzelnen Fertigungszweigen recht unterschiedliche Entwicklungen. In dem vielseitigen Fabrikationsprogramm spiegeln sich die Branchenkonjunkturen, wie sie für unsere Zeit charakteristisch sind, wider. Dem einen Fertigungszweig geht es ausgesprochen gut, während der andere im Schatten liegt. Das letztere gilt im Augenblick für die Farbenproduktion. Heute produzieren alte und neue Industrieländer Farben. Es besteht eine Überproduktion, die sich im gleichen Augenblick, in dem man von einer weltweiten Flaute in der Textilindustrie spricht, naturgemäß besonders stark auswirkt, so vor allem auch im Exportgeschäft, das sich auf der ganzen Linie schlechter als der Inlandmarkt entwickelt hat. Doch zurück zum Farbengeschäft bei Hoechst. Die Segel sollen nicht gestrichen werden. Die Forschung hat nämlich gute Ergebnisse zu verzeichnen. Das gilt für das Gebiet synthetischer Fasern, die vielfach gänzlich neue Farben beanspruchen. Vor allem aber wurde mit dem REMAZOL-Sortiment ein vollständig neuer Farbstofftyp entwickelt, der im In- und Ausland auf Interesse gestoßen ist. Man sieht, auch auf einem an sich aussichtslos erscheinenden Gebiet läßt sich, wenn man nur die rechten Ansatzpunkte findet, manches herausholen. Umgekehrt gibt es auch Bereiche, die durch die jüngste Entwicklung uninteressant geworden sind, nicht etwa, weil die Produkte die Kundschaft enttäuscht haben, sondern weil es zu einer weltweiten Überproduktion gekommen ist. Das gilt heute für Polyvinylchlorid (PVC), ein Grundstoff für sehr bedeutsame Kunststoffe. PVC wird heute von aller Welt, so von den USA, Japan, Italien und anderen Chemieländern angeboten. Das drückt auf die Preise. Hoechst hat sich dazu entschlossen, die bereits bestehenden Produktionskapazitäten nicht weiter auszubauen.

Die Konkurrenz innerhalb der Weltchemie ist – vor allem unter dem Eindruck der amerikanischen Recession – schärfer geworden. Mengenmäßig kam dies weniger zum Ausdruck. Tatsächlich konnte Hoechst die Exportergebnisse in diesem Jahr noch verbessern. Der Druck auf die Preise aber ist gewaltig. Das merkt man auch im Inland. Der Import von chemischen Erzeugnissen in die Bundesrepublik ist nämlich stärker gestiegen als die Ausfuhr. Auch Hoechst muß sich bei dieser Lage anstrengen. Das aber nützt nicht viel, wenn die Kosten weiter steigen sollten. Geschieht dies, dann werden ganze Produktionszweige, die heute noch durchaus wirtschaftlich arbeiten, unrentabel und müssen durch andere Fertigungen ersetzt werden.

Bei den Investitionen kommt es jetzt zu einem, dem Gleichgewichtszustand angenäherten Zustand. Es wurden bei Hoechst 1956 für 240 Mill. DM investiert, 1957 waren es 241 Mill. DM und 1957 232 Mill. DM. Für 1958 ist ein Investitionsprogramm in Höhe des vorangegangenen Jahres vorgesehen. Es wird voll durchgeführt. Für 1959 hat der Aufsichtsrat ein Investitionsprogramm von 200 Mill. DM genehmigt. Finanziert wird es mit 160 Mill. DM über Abschreibungen. Das ist mehr als in den vorangegangenen Jahren. (1955 = 103 Mill. DM, 1956 = 128 Mill. DM und 1957 = 152 Mill. DM). Die großen Investitionen der jüngsten Jahre ermöglichen (vor allem bei Anwendung degressiver Abschreibungen) jetzt größere Gesamtabschreibungen. Die Folge ist, daß für die Durchführung des Investitionsprogrammes nicht ganz so hohe neue Mittel wie bisher gebraucht werden. Der Bedarf des nächsten Jahres läßt sich jedenfalls aus dem genehmigten Kapital (1956 wurden von der Hauptversammlung 100 Mill. DM genehmigt) decken. Es wird in Anspruch genommen werden. Die Modalitäten und das Ausmaß sind bis jetzt noch nicht bekanntgeworden.

Alle entsprechenden Spekulationen sind daher nur wenig begründet. Das gilt im übrigen auch für die Dividende 1958. Von ihr sagte Prof. Winnacker, daß über sie noch nicht gesprochen werden kann, zumal das vierte Quartal in der Regel für das Gesamtergebnis eines Jahres von besonderer Bedeutung ist, W. R.