Ich will versuchen, über mein innerstes Leben zu schreiben. Ich will versuchen, aus der Erinnerung wirklichkeitsgetreu alle wesentlichen Vorgänge, alle Höhen und Tiefen meines psychischen Lebens und Erlebens wiederzugeben.

Bis zu meinem sechsten Lebensjahr wohnten wir ziemlich außerhalb der Stadt Baden-Baden. In der weiteren Umgebung unseres Hauses befanden sich nur einzelne Bauerngehöfte. Spielgefährten hatte ich in dieser Zeit gar nicht, die Kinder der Nachbarn waren alle viel älter. So war ich ganz auf den Umgang mit Erwachsenen angewiesen. Dies behagte mir nur wenig, und ich versuchte, mich, wo es nur irgend angängig war, der Aufsicht zu entziehen und allein auf eigene Entdeckungsfahrten zu ziehen. So hatte es mir der ganz in der Nähe beginnende große Wald mit den hohen Schwarzwaldtannen besonders angetan.

Die meiste Zeit verbrachte ich in den Ställen der Bauern; wenn man mich suchte, sah man zuerst in die Ställe. Besonders die Pferde hatten es mir angetan. Ich konnte gar nicht genug tun an Streicheln, Erzählen und Leckerbissen-Anbieten. War mir das Putzzeug erreichbar, so machte ich mich sofort ans Striegeln und Bürsten. Ich war und wurde Einzelgänger, am liebsten spielte oder beschäftigte ich mich allein und unbeobachtet. Ich mochte es nicht gern, wenn mir jemand zusah.

Durch das Gelübde meines Vaters, wonach ich Geistlicher werden sollte, stand mein Lebensberuf fest vorgezeichnet. Meine ganze Erziehung war darauf abgestellt. Ich wurde von meinem Vater nach strengen militärischen Grundsätzen erzogen. Dazu die tief religiöse Atmosphäre in unserer Familie. Mein Vater war fanatischer Katholik. Während meines Lebens in Baden-Baden sah ich meinen Vater selten, da er meist auf Reisen oder Monate hindurch an anderen Orten tätig war. (Anmerkung der Redaktion: Der Vater, Franz Xaver Höß, war Kaufmann.) Dies änderte sich, als wir in meinem siebenten Lebensjahr nach Mannheim zogen. Mein Vater fand da doch fast täglich Zeit, sich mit mir zu beschäftigen, sei es um meine Schularbeiten zu sehen oder mit mir über meinen künftigen Beruf zu sprechen. Am liebsten waren mir doch seine Erzählungen aus seiner Dienstzeit in Ostafrika, seine Schilderungen über die Kämpfe mit den aufständischen Eingeborenen, deren Leben und Treiben und ihren finsteren Götzenkult. Mit glühender Begeisterung hörte ich, wenn er von der segensreichen und zivilisatorischen Tätigkeit der Missionsgesellschaften sprach. Es stand für mich fest, daß ich unbedingt Mission nar würde und dann ins dunkelste Afrika, möglichst mitten in den finsteren Urwald gehen würde.

Schon von klein auf wurde ich zu einem festen Pflichtbewußtsein erzogen. Es wurde in meinem Elternhaus streng darauf geachtet, daß alle Aufträge genau und gewissenhaft ausgeführt wurden. Jedes hatte immer einen gewissen Pflichtenkreis. Mein Vater achtete besonders darauf, daß ich alle seine Anordnungen und seine Wünsche peinlichst befolgte. So erinnere ich mich noch, daß er mich eines Nachts aus dem Bett holte, weil ich die Satteldecke im Garten hatte hängen lassen, anstatt sie, wie er angeordnet, im Schuppen zum Trocknen aufzuhängen.

Es brach der .Krieg aus. Mein ganzes Sinnen und Trachten in dieser Zeit galt nur dem Soldat-Werden. 1916 gelang mir dann mit Hilfe eines Rittmeisters, den ich im Lazarett kennengelernt hatte, im Regiment, in dem Vater und Großvater gedient hatten (das Badische Dragoner Regiment 21) unterzutauchen und nach kurzer Ausbildung an die Front zu kommen. Ohne Wissen meiner lieben Mutter, die ich nicht mehr sehen sollte, denn sie starb 1917. Ich kam nach der Türkei, an die Irakfront. Schon die heimliche Ausbildung, verbunden mit der steten Angst, entdeckt und wieder nach Hause gebracht zu werden, die lange, abwechslungsreiche, durch viele Länder führende Fahrt nach der Türkei waren eindrucksvoll genug für mich, den noch nicht Sechzehnjährigen.

Kurz nach unserem Eintreffen an der Front wurden wir einer türkischen Division zugeteilt und unser Kav.-Detachement als Korsettstangen auf die drei Regimenter verteilt. Noch während unserer Einweisung griff der Engländer – es waren Neuseeländer und Inder – an, und die Türken liefen, als es ernst wurde, davon. Und wir kleines deutsches Häuflein lagen allein im weiten Wüstensand zwischen den Felsbrocken und Ruinenresten ehemaliger blühender Kulturen und mußten uns unserer Haut wehren. Munition hatten wir auch nicht viel, der Hauptbestand war bei den Pferden zurückgeblieben. Daß unsere Lage verdammt ernst geworden war, merkte ich bald, als die Geschoßeinschläge zahlreicher und genauer an uns ’rankamen. Ein Kamerad nach dem anderen fiel durch Verwundung aus, mein nächstliegender gab auf einmal keine Antwort mehr, als ich ihn anrief. Als ich mich nach ihm umschaute, blutete er aus einer großen Schädelwunde und war schon tot.