w. m., London, Mitte Oktober

Blackpool war nicht Scarborough. Mußte der Labourführer Gaitskell beim Parteitag der Sozialisten seiner Gefolgschaft vor allem Mut und Selbstvertrauen einflößen, so ging das Bemühen des konservativen Parteivorsitzenden Lord Hailsham beim Konvent in Blackpool eher in die entgegengesetzte Richtung: Er mußte die politische Leidenschaft der Regierungsanhänger dämpfen und zu verhindern trachten, daß das Pferd über die Stränge schlug.

Die Konferenz zu Blackpool konnte der Regierung nur wenig Nutzen bringen, aber sie hätte manches Unheil anrichten können: Ein paar zu selbstbewußte Resolutionen, ein heftiger Ruck nach rechts – und die Wähler hätten leicht auf den Gedanken kommen können, auf dem Wagen der Sozialisten reise man vielleicht doch sicherer. Lord Hailsham mußte derartigen Entgleisungen unter allen Umständen vorbeugen.

Es war keine leichte Aufgabe, doch Hailsham wurde mit ihr fertig. Geschickt bog er alle Diskussionen über Probleme ab, die heiße Köpfe oder böses Blut hätten machen können: Hausbesitz, Zypern, Gewerkschaften, Kleinbauern, Strafrecht. Und er schaffte es. Er schaffte es, indem er die Entschließungsanträge so vage formulierte, daß sie niemandem weh taten – und weil er auf den glänzenden Gedanken kam, schon am ersten Tag zweimal einen Redner (Henry Brooke) aufs Podium schickte, dessen phantasielose Langweiligkeit die Delegierten ebenso wirksam ernüchterte wie mehrere Eimer kalten Wassers.

Gewiß, es gab in Blackpool ein oder zwei bange Momente. Doch besänftigte Innenminister Butler die konservativen Damen, die ihr Herz an die neunschwänzige Katze gehängt haben und so gern die Prügelstrafe wieder einführen möchten, in höchst eleganter Weise. Und auch die peinliche Szene am letzten Tage, als Anhänger der stockkonservativen Liga der Empire-Loyalisten die Schlußansprache des Premierministers von der Galerie aus mit Fanfarenstößen und Zwischenrufen rüde unterbrachen (und dafür recht unsanfte Behandlung durch die Saalordner hinnehmen mußten), vermochte das Bild der Eintracht nur vorübergehend zu trüben. Als Macmillan sich wieder setzte, prasselte ihm langanhaltender Beifall entgegen.

Beifall gab es auch für Arbeitsminister Iain Macleod, für Schatzkanzler Heathcoat Amory und, so überraschend es klingen mag, für Außenminister Selwyn Lloyd. Dabei sagte Lloyd gar nichts Neues, und was er sagte, trug er wie immer in der Art eines Amtsrichters aus der Provinz vor. Woher die plötzliche Begeisterung für ihn? Späte Wiedergutmachung für die Mißachtung Lloyds nach Suez? Eine Demonstration gegen den Schattenaußenminister Aneurin Bevanf Was auch immer der Grund war, letzte Woche wurde deutlich, daß das Fußvolk der Konservativen Partei keinen Wechsel im Foreign Office wünscht.

Indes: der stärkste Applaus galt dem Ministerpräsidenten selber. Macmillan ist endlich von seiner Partei akzeptiert worden. In einem Augenblick, da sich ringsum die politische Wüste zu dehnen schien, hat er die Konservativen wieder an das Gelobte Land herangeführt. Er kann jetzt tun und lassen, was er will – seine Partei wird ihm überallhin folgen.

Lord Hailsham, inzwischen gar nicht mehr zahm, hat am Ende des Parteitags deutlich gemacht, auf welche Weise es ihm gelang, aus dem hoffnungsleeren Zylinder von 1957 die Möglichkeit einer dritten Regierungsbildung hervorzuzaubern. Zum dritten Male die Wahl zu gewinnen, das werde – so meinte er – mehr bedeuten als nur die Bestätigung der Konservativen: "Das böse, alberne Gespenst des demokratischen Sozialismus wird dann für immer im Nebel der Geschichte verschwinden ..."