Von J. Jacobi

Mit großer Umsicht ist die Leitung der Berliner Festwochen bemüht, alljährlich diesen Beginn der winterlichen Theaterspielzeit auch von auswärtigen Gästen beurteilen zu lassen. Propaganda? – Sicherlich. Wichtiger freilich dürfte die so gewonnene Vielstimmigkeit des kritischen Gesprächs sein. Regelmäßig ergeben sich nämlich Meinungsverschiedenheiten zwischen den in Berlin ansässigen und den zugereisten Theaterkritikern. Wer aus der westdeutschen "Provinz" kommt, der kann besser ermessen, wie weit Berlin seinen eigenen Nachkriegsprovinzialismus überwunden, womit und wodurch es heute wieder hauptstädtischen Rang als Theaterstadt hat.

Barlog in Berlin ist gewiß wie Stroux in Düsseldorf ein vorwiegend komödiantischer Regisseur. Als Intendant jedoch achtet Barlog darauf, daß der größte Teil der zeitwichtigen Theaterliteratur in seinem Spielplan erscheint, oft sogar als deutsche Erstaufführung. Schade, daß die Freie Volksbühne, nachdem sich Oscar Fritz Schuh für Köln entschieden hat, mit der künstlerischen Leitung ihres "Theaters am Kurfürstendamm" nicht wieder einen literarischen Gegenspieler Barlogs, sondern Leonard Steckel betraut hat. Dessen Festwochen-Inszenierung von Shakespeares "Sturm", die haarscharf an Shakespeares Altersweisheit vorbei im platten Bühnenvergnügen landete, machte das Problem "Volksbühne" nun auch als eine ästhetische Wunde Berlins sichtbar. Man hätte Erwin Piscator als Theaterleiter haben können. Doch aus der Volksbühne ist eine Erfolgsbühne geworden.

Das Theaterpublikum ist eine der seriösesten Realitäten Berlins. Es ist ebenso treu wie erfrischend respektlos. Gründgens’ Absage des Hamburger "Faust"-Gastspiels wegen einer Netzhautblutung Mephistos wurde in Berlin wie ein nationales Unglück empfunden. Die Ankündigung von ‚Gründgens’ Kommen löste die größte Kartennachfrage von allen Festwochen-Veranstaltungen aus.

Neben Tietjens Hamburgischer Staatsoper mit der Rennert-Inszenierung von Alban Bergs "Lulu" gelangte als Berliner Eigenproduktion nur die "Dreigroschenoper", die erste Brecht-Aufführung nach der Teilung der Stadt, in die Spitzenzone des Publikumsinteresses. Doppeltes Pech, daß sich gerade die "Dreigroschenoper"-Premiere im Schloßparktheater als Niete erwies.

Ach, dieses Publikum, von dem Curt Goetz gesagt haben soll, er möchte mit ihm auf Gastspielreisen gehen! Wenn nach dem neuesten Ionesco-Einakter – "Jacques oder Der Gehorsam" – einige Leute vorzeitig die unternehmungsfreudige Berliner "Tribüne" verließen – bitte schön. Aber als nach dem Frankfurter Gastspiel mit der "Kahlen Sängerin" Ionescos im Hebbeltheater vier, fünf Leute auf Hausschlüsseln zu pfeifen begannen und Buh riefen, da gab’s einen Krach, wie ihn sich das Frankfurter Städtische Schauspiel und der Regisseur Heinrich Koch als Verteidigung nicht schöner hätten träumen können. 22 Minuten lang kämpften die Klatscher gegen die Pfeifer.

Außer dem belebenden Klima in Parkett und Rängen besitzt die Theaterstadt Berlin einige Imponderabilien, die schwer zu beschreiben sind. Es ist das, was Berlin in seinen reichshauptstädtischen Glanzjahren ausgezeichnet hat und was sich zur allgemeinen Überraschung in keine noch so geldstrotzende, auch kulturwillige und organisationsfreudige Stadt Westdeutschlands hat verpflanzen lassen: der Instinkt für künstlerische Leistung.