Von René Drommert

Wie sich die Zeiten und Zeichen ändern! Wer wagte heute noch zu behaupten, daß Kunstausstellungen lediglich dazu dienen, unser Schönheitsbedürfnis zu befriedigen? Ich möchte viel eher sagen: Kunstausstellungen können fürchterlich sein.

Damit meine ich nicht etwa solche Vorführungen von Bildern pseudo-prophetischer Art, die ihre Anhänger hinter sich herziehen wie der Rattenfänger von Hameln. Ich meine hier – warum immer genauen Angaben ausweichen? – nicht etwa Serge Poliakoff, der in Hamburg vor Monaten ausgestellt hat, und ich meine auch nicht Bernard Schultze, der in Hamburg (im Künstlerclub "die insel") augenblicklich ausstellt.

Ich denke an Ausstellungen, in denen sich der Geist der Zeit zwar in Ansätzen zeigt, aber doch recht vage und ungeordnet, ja eigentlich sogar ungeformt – und damit kunstfern, jenseits dessen, was man den Künstlern als Tastversuche oder jugendliche Kraftproben zugestehen sollte.

Man könnte zuweilen sogar sagen: Wer sich in eine Kunstausstellung begibt, kommt darin um. So gefährlich kann sie sein. Gerade wer die schöne Fähigkeit der vorurteilslosen Betrachtung und Versenkung besitzt, ist gefährdet, wenn er nicht zugleich auch die Gabe der Selbstbesinnung hat: wenn er aus der Versunkenheit nicht wieder aufzutauchen vermag in die Welt der Helle und geistigen Ordnung. Denn erst in diesem geschmeidigen Wechselspiel von Hingabe und Selbstbehauptung bewährt sich der Mensch. Erst das heißt doch, die Kunst in sein Leben einbeziehen.

Vor ein paar Tagen ging ich durch eine Ausstellung im Frankfurter "Römer" und machte seltsame Erfahrungen. Die Aussteller gehören, wenn wir von zwei Gästen absehen, der jungen Generation an – jener Altersstufe, der die meisten Menschen also kampflos zugestehen, daß sie den Geist der Zeit am reinsten wiederzugeben schon "generationsmäßig" bestimmt sei. Es handelt sich um vier Maler, von denen der älteste 43, der jüngste 32 ist, um Borris Goetz, Heinz Kreutz, Christian Kruck und Hermann Goepfert. Im vorigen Jahr schlossen sie sich zu der "Frankfurter Gruppe (neu)" zusammen. Sie erfreuen sich der Protektion der Zimmergalerie Franck, besitzen in William E. Simmat einen gescheiten theoretischen Schrittmacher und genießen das Wohlwollen des Frankfurter Kulturdezernenten Dr. vom Rath.

Ein pedantischer, illusionsnaher Naturalismus ist dieser Gruppe zuwider. Ihre Mitglieder abstrahieren stark oder malen völlig gegenstandslos. Um so erstaunlicher ist es, daß sie sich ein formales, an eine splendide Tradition gebundenes Thema stellen ließen: das Triptychon – jenes dreigliedrige Bild also, das im Mittelalter zu höchster Ausprägung gelangte im Flügelaltar.