Nach dem ersten Weltkrieg war bei uns die russische Literatur groß in Mode. Klassiker wie Puschkin, Gogol, Lermontow, gar nicht zu reden von Tolstoj und Dostojewski, gehörten zum selbstverständlichen geistigen Fundus, besonders der deutschen Jugend. Wer kennt heute noch viel mehr als die Namen – oder die Filme, die in Hollywood oder Paris von ihren Werken gedreht wurden? Es gilt, das Buch einzuordnen:

Iwan Schmeljow: "Wanja im heiligen Moskau"; Verlag Herder, Freiburg; 544 S., 22,– DM.

Wenn vom Übersetzer R. Karmann Schmeljow mit jenen Giganten verglichen wird, so wäre zunächst einzuwenden, daß sie nicht jedermann etwas sagen. Das Werk Schmeljows reicht überdies nur sehr bedingt an die zitierten Vorbilder heran – allenfalls in der Tiefe und Breite der Perspektive.

Es handelt sich um Jugenderlebnisse aus dem zaristischen Rußland, die Schmeljow – er wurde 1873 in Moskau geboren und starb 1950 als Emigrant in Paris – aus der Erinnerung aufschrieb. Als solche sind sie sicherlich von Wert für viele Leidensgenossen des Autors, die heute verstreut in der Welt leben und die begierig nach ihnen greifen werden. Auch anderen, die das heutige Rußland kennen, mögen sie als Vergleichsmaterial manches sagen.

Trotz mancher Qualitäten, die man Schmeljow gern konzediert, muß doch gesagt werden, daß ihm alles Elementare, Aufrührerische, eben die abgrundtiefe Problematik der großen Russen (wenn wir diesen Kollektivbegriff hier überhaupt anwenden wollen) völlig abgeht. Es sind sehr bedingt interessierende, liebevolle Erinnerungen eines alten Mannes an eine Zeit, da er jung und glücklich war – keine Weltliteratur. Heinz Hell