Zur geplanten Reform des Aktienrechts und speziell zum Thema "Erweiterung der Publizitätspflicht" veröffentlichten wir in unserer Nr. 38 den Diskussionsbeitrag eines Unternehmers aus dem Ruhrgebiet ("Das Management spricht"), in dem für die Offenlegung der Bilanzen aller Unternehmen plädiert wurde, soweit sie handelsgerichtlich eingetragen sind. Wir publizierten zu diesem Artikel bereits eine Entgegnung in unserer Nr. 40 ("Der Aktionär antwortet dem Management") und führen die Diskussion mit der folgenden Zuschrift aus unserem Leserkreis weiter.

Der Verfasser des in der ZEIT erschienenen Artikels "Das Management spricht" erwähnt den Anlaß zu der Forderung nach weitergehender Publikationspflicht der Aktiengesellschaften – das Interesse der Aktionäre – nur ganz am Rande und bezweifelt die Berechtigung dazu. Er leitet vom Thema selbst auf das Kreditproblem der Gläubiger über und fordert unter der Devise des gleichen Rechtes für alle die Offenlegung der Bilanzen für alle handelsgerichtlich eingetragenen Firmen. Es muß darauf verwiesen werden, daß hier gleiches Recht bzw. Pflichten für nicht vergleichbare Größen verlangt wird, also Unrecht für die eine.

Die Publizität wird von den Aktiengesellschaften nur verlangt als Sicherung der Aktionäre gegen ein schädigendes Verhalten der ihnen verantwortlichen Leitung der Gesellschaft. Während bei Eingehen von Verbindlichkeiten durch eine juristische Person eine Dreieckverbindlichkeit entsteht, nämlich AG (vertreten durch den Vorstand) – Kreditgeber oder Kreditnehmer – Aktionäre (als haftende und den Kredit sichernde Vereinigung), entsteht bei Verbindlichkeiten von Offenen Handelsgesellschaften oder Personenfirmen nur eine zweiseitige Verbindlichkeit, bei der beide Teilnehmer an der Transaktion selbst und unbeschränkt verantworten, was sie unternehmen. Das ist der in diesem Zusammenhang schwerwiegende Unterschied zwischen beiden Fällen.

Wenn der Verfasser nun eine Ausdehnung der Publizitätspflicht auf alle handelsgerichtlich eingetragenen Firmen fordert, so muß darauf geantwortet werden, daß er damit nicht nur neben das Ziel, sondern auch weit darüber hinausschießt, sich wohl auch kaum eine Vorstellung gemacht hat von der Reichweite seines Schusses.

Wenn weniger Aktiengesellschaften illiquid werden und Schulden hinterlassen, so liegt das wohl daran, daß sie von vornherein mit einem gehörigen Kapitalpolster starten und daher nicht so leicht in Bedrängnis kommen. Es kann aber auch anders kommen, wie die Fälle Mech. Weberei Fischen und Berberich AG in neuester Zeit zeigen, auch der Fall Siemens Glas. Die Zahl der Aktiengesellschaften ist aber auch wohl gegen die Zahl aller Offenen Handelsgesellschaften und Einzelkaufleute, die handelsgerichtlich eingetragen sind, verschwindend gering. Die Forderung, sie alle zu zwingen, ihre Bilanzen durch Wirtschaftsprüfer prüfen zu lassen, würde eine große Belastung der Wirtschaft, einen weitgehenden staatlichen Eingriff in die Selbstverantwortlichkeit der Wirtschaft und eine Belastung der Behörden bedeuten, die unerwünscht ist. Wer hat z. B. ein berechtigtes Interesse, wer prüft die Berechtigung, wie weist er das Interesse nach, wie ist seine Verschwiegenheit gegenüber Unberechtigten gewährleistet, wie haftet er bei mangelnder Verschwiegenheit? – Alles läuft auf die Schaffung eines ungeheuren Apparates hinaus, der sehr viel Geld kostet.

Es gibt schon seit Jahrzehnten Selbsthilfen in der Wirtschaft, wie z. B. innerhalb der Tuchindustrie, deren Verband eine Sammelstelle für Meldungen aus dem Mitgliederkreis unterhält, über Verbindlichkeiten von Kunden, ihre Höhe, Fälligkeit oder Überfälligkeit – ein Verfahren, das sich ohne staatlichen Eingriff ausgezeichnet bewährt hat.

Hat der Verfasser denn überhaupt bedacht, daß es Zigtausende von handelsgerichtlich eingetragenen Handelsvertreterfirmen gibt, sicher Zehntausende von Speditionsfirmen, Hausmaklern, Versicherungsmaklern und ähnlichen Berufen, die nie oder fast nie Kredite in Anspruch nehmen? (Neben Hunderttausenden von Einzelhandelsfirmen, die allerdings Kredite nehmen.) Es genügt hoffentlich, darauf hinzuweisen, um die gestellte Forderung ad absurdum zu führen. Es ist zu hoffen, daß der Gesetzgeber sich durch solche Vorschläge nicht auf ein falsches Gleis bringen läßt. Edgar Pantaenius, Hamburg