C. S. Bonn

Der Angeklagte ist von kleiner Statur, Tat schütteres Haar und wirkt, wenn der Vorsitzende ihn reden läßt, sehr lebendig, wobei er den Klang und den Charme seiner Wiener Heimat entfaltet. Der Vorsitzende ist ihm gegenüber ein Hüne von Gestalt, wirkt forsch und hat jenen, sogar in Berlin nicht geschätzten "berlinischen" Ton dessen, der es besser weiß. Vor genau vier Wochen hat der große Prozeß vor der Zwei:en Strafkammer des Landgerichts Bonn begonnen: Strafverhandlung gegen den ehemaligen Psychologen der Bundeswehr Robert Schneider, der behauptet hatte, er besitze zwei Doktor-Titel. Laß er einen – den Dr. phil. – besitzt, scheint mittlerweile wahrscheinlich, wenn auch noch nicht erwiesen.

Wer vier Wochen hindurch den heiklen, dramatischen und manchmal peinlichen Szenen der Verhandlung lauschte, hatte manchmal Ursache, die Engländer um die Art zu beneiden, wie sie ihre Prozesse führen. Dort leitet His Lordship die Diskussion zwischen Staatsanwalt und Verteidiger wie ein ehrlicher Makler und wacht, daß sich alles im Rahmen der Paragraphen hält, und mäßigt und besänftigt. Hier aber, in Bonn, begann der Vorsitzende, der Landgerichtsdirektor Schröder, so: "Herr Schneider, ich habe Zeit, ich habe gute Nerven. Ich war vor dem Prozeß vierzehn Tage in Urlaub. Das sehen Sie meiner braunen Hautfarbe an." Der Angeklagte Schneider hatte keine braune Gesichtsfarbe, sein Antlitz war kalkweiß, er hatte schon 21 Monate in Untersuchungshaft gesessen.

Die beiden Verteidiger, die recht jung in diesem ihrem wichtigen Amt der Rechtspflege sind, sahen sich verschiedentlich veranlaßt, Einwand zu erheben gegen die Art der Verhandlungsführung. Vielleicht schreiben sie sich den Satz noch "hinter die Ohren", den Landgerichtsdirektor Schröder sprach: "Die jungen Leute werden sich an die Gangart dieser Kammer gewöhnen müssen!"

Bisher hat diese "Gangart" zur Aufklärung einiger Urkundenfälschungen und kleiner Betrügereien geführt, zu nichts sonst. Dabei wurden rund drei Dutzend Zeugen vernommen, während viele, viele Zeugen noch auf Vernehmung warten.

Diese "Gangart" hat ferner dazu geführt, daß Staatsanwalt Dr. Schwellnus, der vor Beginn des Prozesses nicht in Urlaub war, aber über gute Aktenkenntnis verfügt, das stark beachtete Wort sprach: "Herr Vorsitzender, Sie haben mich noch nicht ein einziges Mal eine Frage stellen lasset, ohne daß Sie mich dabei unterbrochen haben. Die Strafgesetzordnung", so mußte Dr. Schröder sich belehren lassen, "sieht vor, daß ich als Staatsanwalt selbst Fragen stellen kann." (Beobachtern fiel auf, daß sich kurz danach sowohl der Vorgesetzte des Richters als der des Staatsanwalts im Gerichtssaal einfanden: der amtierende Landgerichtspräsident und der Oberstaatsanwalt.)

Unter diesen Umständen hält sich der 39jährige Angeklagte recht wacker, so daß man schon vom "tapferen Schneiderlein" spricht. Und was er alles studiert hat! Juristerei und Medizin, Philosophie und Theologie. Freilich, vom juristischen Studium muß noch das wenigste haften geblieben sein. Sonst hätte er sich gewiß gesagt, daß er gar nicht erst in die Hände der Beamten vom Düsseldorfer Kriminalamt hätte zu fallen brauchen, jedenfalls nicht, was die vorrichterliche Vernehmung anging; er hätte sich gleich vor den Untersuchungsrichter führen lassen können. Dann wären ihm die Attacken gegen die Vernehmungsmethoden der Polizei erspart geblieben. Dem Richter und dem Staatsanwalt wäre erspart geblieben, daß Schneider widerruft, was er vor der Polizei zugegeben hat. Und der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen wäre der Aufgabe enthoben, nachzuprüfen, ob es bei der Art und Weise, wie Kriminalhauptkommissar Kosmehl die Geständnisse Schneiders einholte, mit rechten Dingen zuging.