Von Walter Jens

Wolfgang Hildesheimer,vierzigjährig und amüsant, Autor der "lieblosen Legenden", des Romans "Das Paradies der falschen Vögel" und des von Gründgens in Düsseldorf inaugurierten Dramas "Der Drachenthron", Verfasser zahlreicher witzig-böser Hörspiele und Träger des Kriegsblinden-Preises, hat, teils am Schreibtisch, teils auf einem Landstuhl des Café Semadeni zu Poschiavo im Graubündischen drei Stücke geschrieben, die so geistreich, grotesk und treffsicher sind, daß ich mir geschworen habe, so bald keinen Ionesco mehr anzurühren. –

Wolfgang Hildesheimer: "Spiele, in denen es dunkel wird"; Neske Verlag, Pfullingen; 214 S., 14,80 DM.

Mögen die Dramaturgen anderer Ansicht sein (man weiß ja: Audiberti gestattet man gern, auf Psychologie zu verzichten – der deutsche Autor hat logisch zu bleiben; Eliot mag denken – einer aus unseren Breiten jedoch muß spannend, realistisch, handfest sein – und vor allem keine Poesie!) – der Literat ist begeistert: Endlich einmal Witz, Grazie, Akkuratesse und poetische Präzision auch im szenischen Bereich! Man hatte wahrhaftig fast schon geglaubt, die Moderne gebe es, von zwei oder drei Ausnahmen abgesehen, nur in Prosa und Lyrik.

Dabei sind die drei Stücke – Pastorale oder Die Zeit für Kakao, Landschaft mit Figuren, Die Uhren – im Grunde keineswegs spaßhaft; hinter dem Oberflächenspiel der Pointen verbirgt sich das Pathos grimmiger Gesellschaftskritik, Komik dient der Entlarvung. Weil die Personen genau das sagen, was sie denken, wirken sie lächerlich; der Naturalismus, parodistisch stilisiert, zerrt die Klischees ans Licht; die Verfremdung in feierlicher Verifizierung gibt die Vorstellungswelt der oberen Zehntausend dem Gelächter preis.

Hier hat Hildesheimer bei Brecht gelernt; auch er weiß, daß die high society am besten charakterisiert wird, wenn man sie nicht mit wütendem Ernst attackiert, sondern ihre Denkweise durch eine kleine stilistische Überhöhung ad absurdum führt:

Hochzeit in Uniform, das waren glänzende Zeiten,