Von Jörg Mager

Wenige Tage vor der Liquidierung der tschechoslowakischen Republik hat Max Brod seine Heimatstadt Prag verlassen. Als Dramaturg der Habimah ist er einer der kulturellen Pioniere des jungen Staates seiner neuen Heimat Israel geworden.

Sein Auszug aus Prag, die Errichtung des "Protektorates" schloß eine große Epoche der deutschen Literatur ab. Hier war die engste Schicksals- und Kulturgemeinschaft von Deutschen und Juden auf tschechischem Raum gewachsen, die vor ihrer Vernichtung noch einmal vor der ganzen Welt glänzend manifestiert wurde. Brod, als Dichter und Kritiker daran besonders beteiligt, zeigte zugleich auch verständnisvolle Teilnahme an der tschechischen Dichtung und Musik. Er führe Kafka und Werfel in die deutsche Literatur ein, er entdeckte und förderte Hašek und Janacek.

Jetzt kehrt Brod als Dichter in die prächtigtrauliche, wunderreiche Hauptstadt Böhmens zurück und zeigt, wie ihr tragender Grund sich spaltete und deutscher Nationalismus und tschechischer Chauvinismus die alten Bande zerreißen und ahnungslos den Vollstrecker aus dem Osten herbeirufen. Eine Weltwende, die alle bisherigen Werte zerbricht, den letzten Rest uralter Tradition aus dieser osteuropäischen gotisch-barocken Stadt hinausfegt und harte neue Tafeln aufstellt, greift in die Schicksale von Brods Roman, der im Vorjahr erschien:

Max Brod: "Rebellische Herzen"; F. A. Herbig Verlag, Berlin; 368 S., 11,80 DM.

Der Held dieses Romans steht als Mitarbeiter einer führenden deutschen Zeitung Prags in unausweichlich engem Kontakt mit dem verhängnisvollen Zeitgeschehen. Schicksalhaft wird für ihn die "Kentaurin", ein naturhaft zerstörendes Weibwesen, wie es Nietzsche träumte. Dieser versengenden Gestalt, die in Atemnähe gegenwärtig "gespürt wird", steht in nicht gleichermaßen überzeugender Lebendigkeit "der Demütige" gegenüber: ein Mensch, der sich vom Irdischen durch selbstloses Tun befreit, der an Gottes Gnace glaubt und in ihr wirkt. Wir kennen Verwandte von ihm, Grillparzers Armen Spielmann, Stifter-Menschen. Es ist eine Figur nach dem Herzen Brods, ein weltlicher Heiliger, der eine Sphäre schafft, "wo Menschen einander nicht wehe tun."

Brod ist der deutschen Jugend heute mehr als Freund und Nachlaßverwalter Kafkas bekannt als durch sein eigenes Schaffen. Mehrmals kehrte er nach dem Kriege nach Deutschland zurück. Er fand das Ausmaß der Zerstörung unmenschlich, aber auch das ungestüm raffende Tempo des Wiederaufbaues unheimlich. Für diese rastlos betäubende, geschäftige Gegenwart ist sein jetzt erschienener Roman geschrieben. Wieder führt er in den Raum und die Atmosphäre der österreichischen Kultur zwischen den Weltkriegen: