Der raketengleiche Aufstieg der amerikanischen Raumfahrt-Industrie – "Pionier": Für Fachleute eine alte Klamotte

Von Robert Jungk

In Washington hörte ich im Frühjahr diese Geschichte: Der Hersteller eines neuen elektronischen Zielgerätes kehrte, nachdem er sich im Pentagon eine Absage geholt hatte, im Flugzeug nach Hause zurück und hatte als Nachbarn einen Konkurrenten, der überaus zufrieden wirkte. Man kam ins Gespräch, und der Erfolgreiche gab dem anderen einen Rat: "Hängen Sie Ihren Wagen an die Sterne. Man kann ‚denen‘ da keine kleine Sache mehr verkaufen. Ich habe ihnen ein Marsprojekt eingeredet. Träumen wollen die Jungens, träumen ..."

Der Himmel ist teuer

Wer die Nachrichtenflut über neue amerikanische Space projects (Weltraum-Projekte) heutzutage konsumieren muß, findet es schwer, sich in der Fülle der Pläne und Prophezeiungen noch zurechtzufinden. Das geht aber nicht nur den "Laien" so, sondern auch den Kennern der Materie.

Kaum ein Tag vergeht, ohne daß eine neue "Weltraum-Firma" gegründet wird oder ein für "erdgebundene" Erzeugnisse, wie Autos, Autoreifen, Glühlampen oder Werkzeugmaschinen, bekanntes Großunternehmen ankündigt, daß es seinen Sind nun ebenfalls auf die "majestätischen Weiten des Universums" richte.

An Dollar-Treibstoff mangelt es nicht. Wer sich die kürzlich zum erstenmal veröffentlichte statistische Übersicht des Verteidigungsministeriums über die für ferngelenkte Geschosse und Raumraketen bereitstehenden Mittel ansieht, hat eine von 1946 bis 1950 fast flache, bis 1956 schräg und dann plötzlich vertikal ansteigende Kurve vor sich. 1,2 Milliarden im Jahre 1954, 1,5 Milliarden im Jahre 1955, 2,6 Milliarden im darauffolgenden Juli. Schneller und schneller, höher und höher: 1957 sind schon 4,5 Milliarden erreicht, 1958: 6,6 Milliarden, und wenn man der Voraussage der Fachzeitschrift Rockets and Missiles Glauben schenken darf, werden bis 1970 etwa 20 Milliarden Dollar im Jahr allein in den USA für die Eroberung des schwarzen Himmels (die Blaue verliert sich nach ein bis zwei Flugminuten) ausgegeben.