Nach sechs Jahren wieder in Freiheit, wieder dem Leben geschenkt! Zahlreich und vielfältig waren die Absichten, mit denen mich befreundete Familien und Kameraden beglücken wollten. Alle wollten mir helfen, mir eine Existenz zu schaffen und mir den Übergang zum normalen Leben erleichtern helfen. Ich sollte nach Ostafrika, nach Mexiko, nach Brasilien, nach Paraguay, nach den Vereinigten Staaten. Alles in der guten Absicht, mich aus Deutschland zu entfernen, damit ich nicht wieder in die politischen Kämpfe der extremen Rechten verwickelt würde.

Andere wieder, vor allem meine alten Kameraden, wollten mich unbedingt in den vordersten Reihen der Kampforganisationen der NSDAP sehen.

Beides lehnte ich ab. Wenn ich auch schon seit 1922 Parteimitglied war, von den Zielen der Partei überzeugt und damit einverstanden war, so lehnte ich doch die Massenpropaganda, das Feilschen um die Gunst der Masse, das Eingehen auf niedrigste Masseninstinkte, ja auf deren Ton entschieden ab. Ich hatte „die Masse“ 1918–1923 kennengelernt! Wohl wollte ich Parteimitglied bleiben, aber ohne jegliches Amt, und keiner der Unterorganisationen beitreten... Ich hatte anderes vor. Ins Ausland wollte ich ebensowenig. Ich wollte in Deutschland bleiben und hier beim Aufbau helfen. Beim Aufbau auf lange Sicht mit weitgestecktem Ziel – ich wollte siedeln! In den langen Jahren in der Abgeschiedenheit meiner Zelle war mir dies zum Bewußtsein gekommen: Es gab für mich nur ein Ziel, für das es sich zu arbeiten, zu kämpfen lohnte – der selbsterarbeitete Bauernhof mit einer gesunden, großen Familie. Das sollte der Inhalt meines Lebens, mein Lebensziel werden.

Gleich nach meiner Entlassung aus dem Zuchthaus nahm ich Verbindung mit den „Artamanen“ auf. Dieser Bund und sein Ziel war mir schon während der Strafverbüßung durch das Schrifttum bekanntgeworden, und ich habe mich damit eingehend beschäftigt. Es war dies eine Gemeinschaft junger, volksbewußter Menschen, Jungen und Mädel, aus der Jugendbewegung aller national denkender Parteirichtungen hervorgegangen, die aus dem ungesunden, zersetzenden und oberflächlichen Leben der Städte, besonders der Großstädte heraus zu einer gesunden, harten, aber naturgemäßen Lebensweise auf dem Lande zurückfinden wollten. Sie verschmähten Alkohol und Nikotin, ja alles, was einer gesunden Entwicklung des Geistes und des Körpers nicht dienlich ist.

Schon in den ersten Tagen lernte ich da meine zukünftige Frau kennen, die, von den gleichen Idealen beseelt, mit ihrem Bruder den Weg zu den Artamanen gefunden hatte. Wir heirateten, sobald dies möglich war, um gemeinsam unser hartes Leben, das wir uns freiwillig aus innerster Überzeugung erwählt, anzupacken. Klar sahen wir beide den langen, schweren, mühseligen Weg zu unserem Ziel. Nichts sollte uns davon abbringen. Unser Leben war wirklich nicht leicht in den folgenden fünf Jahren, doch auch das Schwerste konnte uns nicht entmutigen, glücklich und zufrieden waren wir, wenn wir durch unser Vorbild, durch unsere Erziehung immer wieder neue Gläubige für unsere Idee gewonnen hatten.

Drei unserer Kinder waren schon geboren – für den neuen Morgen, für die neue Zukunft. Bald sollte uns das Land zugewiesen werden. Es kam aber anders: Die Aufforderung Himmlers im Juni 1934, zur aktiven SS zu gehen – sie sollte mich abbringen von unserem bisher so sicher und zielbewußt gegangenen Weg. Lange, lange konnte ich mich nicht zur Entscheidung durchringen. Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit. Die Verlockung, wieder Soldat werden zu können, war doch zu stark. Stärker als die von meiner Frau gehegten Zweifel, ob dieser Beruf mich auch voll und ganz ausfüllen, innerlich befriedigen würde. Sie war aber damit einverstanden, als sie sah, wie sehr ich mich zum Wieder-Soldat-Werden hingezogen fühlte.

Nach langem, zweifelsvollem Abwägen entschied ich mich für den Übertritt zur aktiven SS. Heute bereue ich tief das Verlassen des bis dahin gegangenen Weges. Mein Leben, das meiner Familie, wäre anders verlaufen, obzwar wir jetzt genauso ohne Heimat, ohne Hof dastünden. Aber Jahre innerlich befriedigender Arbeit hätten dazwischen gelegen. Doch wer vermag den Verlauf ineinandergeketteter Menschenschicksale zu übersehen? Was ist richtig, was ist falsch?

(Wird fortgesetzt)