Von Gerhart E. Reuss

Kaum hatte sich Baden-Baden wieder vom benzindunstgeschwängerten Kurort westdeutscher Wirtschaftswunderkinder in eine liebliche Schwarzwaldstadt verwandelt, als es letzte Woche schon wieder durch einen Schwarm geschäftiger Menschen aus der Beschaulichkeit der herbstlichen Nachsaison aufgeschreckt wurde. Obwohl es sich diesmal kaum um die Hauptnutznießer unseres Wirtschaftsaufschwungs handelte, so stand doch eben dieses ökonomische Phänomen im Mittelpunkt des Interesses der Besucher.

"Finanz- und währungspolitische Bedingungen stetigen Wirtschaftswachstums" war das Thema der diesjährigen Tagung des Vereins für Socialpolitik, die in der vergangenen Woche stattfand. In seinem Einleitungsreferat sah sich Professor Paulsen, Berlin, veranlaßt, unter dem Eindruck der Frankfurter Rede von Jaspers in Baden-Baden die Wissenschaftler zur "inneren Wahrhaftigkeit" aufzurufen. Nicht nur Lippenbekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft, sondern aktives Handeln im Sinne der Verwirklichung des Leitbildes einer "Gesellschaft freier Menschen" wurde gefordert.

Der Mut, diesen verschwommenen Begriff durch die Aufstellung gegeneinander abgewogener wirtschaftlichen und sozialer Postulate mit Leben zu erfüllen, wurde in der anschließenden Diskussion als "künstlerischer" Versuch kritisiert, ein quantitativ und qualitativ noch nicht genügend erforschtes Phänomen in den Griff zu bekommen. Die Auseinandersetzungen im Anschluß an den statistisch-quantitativen Vortrag von Prof. Bombach, Basel, zeigten jedoch, daß Theorie und ökonometrik letzten Endes eine Grenze erreichen, von der an genau dieses, von Paulsen exemplifizierte Abstimmen wirtschaftspolitischer Ziele im Sinne einer gesellschaftlichen und sozialen Gesamtkonzeption Voraussetzung theoretischer Untersuchungen wird.

Innerhalb des von ihm selbst abgesteckten Gebietes der theoretischen und statistischen Analyse kam Bombach zu einigen sehr interessanten Ergebnissen. Er wies auf die im Laufe des Wachstumsprozesses auftretenden Strukturänderungen der Wirtschaft hin und entwickelte statistische Methoden, die eine Messung dieses Struktureffekts ermöglichen. Unter Anwendung ähnlicher Berechnungsmethoden hat das Statistische Bundesamt kürzlich demonstriert, daß etwa ein Fünftel des Wachstums der Arbeitsproduktivität der deutschen Volkswirtschaft zwischen 1950 und 1956 auf Änderungen in der Beschäftigungsstruktur (insbesondere Abwanderung aus der Landwirtschaft in die Industrie) zurückgeführt werden kann, und nicht auf eigentliche Produktivitäts-Veränderungen in den einzelnen Wirtschaftssektoren. Das gleiche Strukturproblem tritt auch bei der Bestimmung der Kapitalkoeffizienten (Kapitaleinsatz pro Erzeugungseinheit) auf. Da diese Größe in Verbindung mit der erwarteten Investitionsrate vielfach dazu benutzt wird, das langfristige Wachstum des Sozialproduktes vorauszuberechnen, können auch hier Strukturverschiebungen eine große Rolle spielen. Die Frage, ob Wirtschaftswachstum ohne Inflation möglich sei, bejahte Bombach von der Theorie und der historischen Erfahrung her.

An dieser Stelle traf sich die Auffassung des Theoretikers mit der des Praktikers. Aufbauend auf seiner Ansicht, daß Wachstum ohne Inflation möglich sei, hatte Dr. Irmler von der Landeszentralbank Nordrhein-Westfalen in seinem vorangegangenen Referat gefragt, ob sich der Produktivitätsfortschritt einer Volkswirtschaft in konstantem Preisniveau und steigenden Löhnen oder in konstanten Löhnen und fallenden Preisen niederschlagen sollte. Obwohl theoretisch eine Preissenkung vorteilhaft sei, da sie der Gesamtheit der Bevölkerung gleichmäßiger zugute komme, bekannte sich Dr. Irmler zu einem konstanten Preisspiegel mit im Ausmaß des Produktivitätsfortschritts steigenden Löhnen, besonders da ein Sinken des Lohnniveaus unter den heutigen Bedingungen nicht mehr möglich sei. Bei der Wahl zwischen den beiden möglicherweise auseinandergehenden Zielen der Währungspolitik – Stabilhaltung des Wechselkurses oder Stabilhaltung des Binnenwertes der Währung – entschied sich Dr. Irmler unter wachstumspolitischen Gesichtspunkten für das letztere.

Mit der Problematik divergierender Zielsetzungen der Finanz- und Währungspolitik setzten sich Professor Bickel, Zürich, und Professor Schmoelders, Köln, auseinander. Schmoelders lehnte eine Koordinierung der Geld- und Finanzpolitik, die er als Gleichschaltung apostrophierte, ab und befürwortete statt dessen ein "fruchtbares Spannungsverhältnis" zwischen geld- und finanzpolitischen Instanzen, die institutionell so verschieden seien, daß sich eine sinnvolle Koordination nicht ermöglichen ließe.