Winston Churchill mit seiner unvergleichliehen Formulierungsgabe hat einmal gesagt: "Weitblick ist unerläßlich, aber es ist schwer, weiter zu blicken, als man, sehen kann." Genau dies ist es. Die politische Weitsicht von Völkern, Regierungen oder einzelnen Individuen ist nicht wie die Reichweite der Mondrakete von der Energieentfaltung abhängig, die bei ihrem Start aufgewandt wird, sondern von tausend verschiedenen und zum Teil so unberechenbaren Dingen wie Erinnerungen, Vorurteilen, Gefühlen, Wünschen, die – addiert oder gar multipliziert – Mißverständnisse und Fehlurteile gigantischen Ausmaßes ergeben können. Wir Deutsche, deren Weitsicht ein Jahrhundert lang durch nationale Scheuklappen arg behindert war, können ein Lied davon singen.

Wenn dann aber einer schließlich solche Mißverständnisse wahrnimmt, die Fehlurteile beiseite schiebt und nun weiterblickt, als er bisher sehen konnte, so sollte man ihm Lob, Preis und Dank zollen und nicht, wie es viele jetzt tun, sich noch rückblickend über frühere Irrtümer lustig machen.

Augenblicklich nämlich ist es ein beliebter Sport, sich über Außenminister Dulles zu mokieren, der starrköpfig durch Jahre eine ganz bestimmte (von vielen kritisierte) Politik in Nah- und Fernost verfolgte und der dabei ist, diese nun endlich zu revidieren. Der Moment, in dem ein Starrköpfiger elastisch wird, ist sicher nicht der richtige, um ihn zu tadeln.

Die US-Außenpolitik ist tatsächlich entscheidend verändert worden. Wir haben schon vor Wochen auf die ersten Anzeichen jenes Wandels hingewiesen, der jetzt in Neu-Delhi bei der Weltbanksitzung ganz deutlich wurde. Die Beschlüsse, die dort zur Erweiterung der Kompetenzen und Möglichkeiten der Weltbank gefaßt wurden, brachten den amerikanischen Wunsch zum Ausdruck, ihre Auslandhilfe mit den Unterstützungen anderer Staaten für die Entwicklungsländer zu einer Gemeinschaftshilfe des Westens zusammenzulegen. Dadurch soll der Eindruck verhindert werden, Amerika wolle durch finanzielle Unterstützungen einen politischen oder moralischen Druck auf die Empfänger ausüben.

Es wird also in Zukunft kein Unterschied mehr gemacht werden zwischen verdienten und verdienstlosen Hilfsbedürftigen. Wer immer bei der neuen Gemeinschaftshilfe um Unterstützung einkommen will, mag dies tun. Hilfe soll mit anderen Worten nicht dazu benutzt werden, den einen zu belohnen und den anderen gefügig zu machen. Politisch heißt das, man hat erkannt, daß der Versuch, seine Stützpunkte, wie beim Mühlespiel die Steine, in bisher unerschlossenes Gelände zu setzen, nur den Gegner auf den Gedanken bringt, nun seinerseits diese Stellungen zu blockieren: Wenn es dem Westen gelingt, sich den Irak im Bagdadpäkt zu sichern, liefert der Ostblock Waffen an Ägypten; flugs verstärkt der Westen seinen Einfluß im Libanon, worauf der Osten, nicht faul, sich Syriens Gunst erkauf, und so weiter ...

Man hat in Washington ferner erkannt, daß es unzweckmäßig war, Vertreter des alten Regimes, die dem Westen gewogen waren, zur Zielscheibe der oppositionellen Kritik zu machen, indem man sie in ein verpöntes Paktsystem zwang. Man hat eingesehen, daß in einer Epoche, in der nationale Bewegungen und soziale Revolutionen sich überschneiden und alte Schichten hinweggefegt werden, solche Pakte keinerlei Garantie bieten. Die irakische Regierung, die 1955 den Bagdadpakt schloß, fiel 1958 einem Staatsstreich zum Opfer; die libanesische Regierung, die 1957 die Eisenhower-Doktrin als verbindlich akzeptierte, wurde ebenfalls 1958 hinweggefegt.

Die neue Einstellung Washingtons bringt zum Ausdruck, daß Amerika den arabischen und den asiatischen Nationalismus nicht mehr wie bisher für lokale – durch eigene Unachtsamkeit und Moskaus Pyrotechnik verursachte – Brandherde hält, die mit einer mobilen Feuerwehr bekämpft werden können und müssen. Sie zeigt,’daß die US-Regierung vielmehr eingesehen hat, daß es sich um große revolutionäre Bewegungen handelt, zu denen ein Verhältnis gefunden werden muß will man sie nicht gradewegs dem Osten zuleiten.