Die Tatsache, daß viele Leute mit ihren Aktien in den letzten Monaten gute Gewinne erzielt haben, ist die beste Werbung für das Sparen in Aktien. Immer häufiger bekomme ich Briefe, in denen es heißt: "Ich habe eine kleine Summe verfügbar, die ich in Aktien anlegen möchte!" Zwischen den Zeilen ist dann der Wunsch unausgesprochen zu lesen, daß die Anfragenden an den Segnungen der Hausse teilhaben wollen. Das ist zwar menschlich begreiflich, aber dennoch kein Gesichtspunkt für eine seriöse Wertpapieranlage. Man spart in erster Linie, um sich den Wert seiner Ersparnisse zu erhalten. Natürlich muß man darauf achten, daß man bei aller Sicherheit auch den höchsten Zinssatz erhält, den der Markt jeweils zu bieten hat. Erst in zweiter Linie soll man aber mit seinen Ersparnissen versuchen, über Kursgewinne Geld verdienen zu wollen. Ich wiederhole meine Warnung: Machen Sie sich nicht ohne sorgfältige Prüfung die Tips berufsmäßiger Börseninformanten zu eigen. Wohin so etwas führen kann, zeigte in der vergangenen Woche das Beispiel der Accumulatoren-Fabrik Hagen, die von einem "Informationsdienst" getipt worden war. Da viele Leute dieses Papier zu kaufen begannen, stieg es ungewöhnlich schnell, denn der Markt dieser Aktien ist eng. Die kalte Dusche kam umgehend, als die Verwaltung erklärte, daß die Kurssteigerungen weder von der Substanz noch vom Ertrag her gerechtfertigt seien. In zwei Tagen fiel das Papier wieder um 75 Punkte zurück. Wer zu den höchsten Kursen gekauft hatte, war plötzlich um ein Drittel ärmer geworden. Das ist das Risiko der Spekulation!

Was der Rentenmarkt gegenwärtig für den Sparer zu bieten vermag, haben wir, meine verehrten Leser, in der vergangenen Woche ausführlich besprochen. Wenden wir uns heute den Aktien zu. Die Hauptproblematik bei einer Anlage in Aktien zum jetzigen Zeitpunkt liegt darin, daß die Kurse nun schon monatelang gestiegen sind, also die Gerahr eines Kursrückschlages gewachsen ist. Die Börsenexperten sind allerdings übereinstimmend der Ansicht, daß noch nirgends Zeichen einer allgemeinen Aktienschwäche sichtbar werden. Und das ist auch glaubhaft, denn das Sparaufkommen wächst. Die Bundesbank hat sehr viel Interesse daran, daß die Zinsen weiter sinken, und die Wirtschaft ist mit ihren Investitionen zurückhaltender als in den Vorjahren. Von dieser Seite erscheint eine Überbelastung zur Zeit als ausgeschlossen. Außerdem kann der Zentrale Kapitalmarktausschuß die Zahl der Neuemissionen in das rechte Verhältnis zum Kapitalanfall bringen. Auch die öffentliche Hand dürfte Interesse daran haben, das gute Kapitalmarktklima nicht durch Mammutemissionen zu zerstören, weil ihr dann der Markt ganz verschlossen ist oder ihr die Aufnahme neuen Kapitals höhere Zinsen kosten wird. Wenn man überdies berücksichtigt, daß für 1958 als Folge der Körperschaftsteuerermäßigung für ausgeschüttete Gewinne bei vielen Gesellschaften höhere Dividenden in Aussicht stehen und bei zahlreichen Unternehmen über kurz oder lang Kapitalerhöhungen fällig werden, dann kann man davon ausgehen, daß das jetzt erreichte Kursniveau Zu verteidigen ist.

Natürlich sind im politischen Raum Ereignisse möglich, die einen vorübergehenden Druck auf die Kurse ausüben können. Sei es durch politische Verwicklungen, sei es, daß von der politischen Bühne plötzlich Persönlichkeiten abberufen werden, die als Garanten einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung gelten.

Sie sehen, meine verehrten Leser, daß jeder Aktienkäufer nicht nur das Risiko der künftigen Kapitalmarktentwicklung und der Zukunft "seines Unternehmens", sondern auch gewisse politische Wagnisse übernehmen muß. An der Börse gibt es nicht nur Sonnentage, Bitte fassen Sie diese Worte nicht als Schwarzmalerei auf, aber wer Aktien kauft, muß wissen, daß er Risikopapiere erwirbt. Aber langfristig betrachtet, war der Aktienbesitz (im großen und ganzen) eine gute Kapitalanlage. Und das sollte auch dem "Klein"sparer zu denken geben und ihn anregen, doch wenigstens einen Teil seiner Ersparnisse in Aktien anzulegen.

Aber was soll man heute kaufen? Wer absolut unerfahren ist und wer von vornherein das Risiko so niedrig wie möglich halten will, erwerbe Investment-Zertifikate. Ich darf Ihnen sagen, daß ich vor einigen Wochen selbst einige Stücke gekauft habe, weil mir einfach der Mut fehlte, angesichts der scharf angezogenen Kurse vieler Aktien ein bestimmtes Papier auszuwählen. Und was ist gestehen? Nach einigen Wochen kann ich feststellen, daß ich bereits um 10 v. H. meines Einsatzes (etwaige Verkaufsspesen nicht gerechnet) reicher geworden bin. Persönlich bin ich damit sehr zufrieden, wenngleich man mir natürlich vorhalten kann, daß ich in der gleichen Zeit hätte meine Ersparnisse beträchtlich mehr steigern können, wenn ich dieses oder jenes Papier gekauft hätte, das in letzter Zeit um 100 Punkte und mehr gestiegen ist. Aber andere Leute sollen auch etwas verdienen ...

Nebenbei: die wirklich prächtig entwickelten Preise für die Investment-Zertifikate lassen die zu erwartenden Ausschüttungen in ihrer Bedeutung zurücktreten. Die Fonds-Verwaltungen, die alle angefallenen Erlöse schleunigst zum Ankauf neuer Aktien benutzten, haben für die Zertifikatsbesitzer mehr herausgeholt, als wenn sie die in den Topf geflossenen Dividenden für die spätere Ausschüttung flüssig hielten. Wenngleich – wie eben dargelegt – die Ausschüttungen in diesem Jahr weniger wichtig sind, so gibt es dennoch viele Zertifikatsbesitzer, die mit den Ausschüttungen einen Teil ihres Lebensunterhaltes bestreiten müssen. Sie können das natürlich ebensogut tun, indem sie einen Teil ihrer wertvoll gewordenen Zertifikate veräußern, wobei sie keinerlei Substanzverluste zu erleiden brauchen. Dennoch werden die Fonds zu einem Ausschüttungskompromiß kommen. Schätzungen gehen dahin, daß man mit Auszahlungen rechnen kann, die einer Rendite von knapp 5 v. H. entsprechen werden. Aber das sind unverbindliche Schätzungen. Auf alle Fälle dürften die Ausschüttungen aber über der rechnerischen Durchschnittsrendite bei den Aktien liegen, die auf etwas unter 4 v. H. gesunken ist.

Wer glaubt, sein Geld direkt (nicht über den Umweg der Investment-Zertifikate) anlegen zu sollen, der kann – unter Berücksichtigung der schon aufgezählten Risiken – auch heute noch Papiere der großen IG-Farben-Nachfolger, von AEG und Siemens, zu einem Teil auch Montane erwerben. Diese Anlage sollte man aber auf alle Fälle langfristig betrachten. Von der Rendite her sind die großen Chemie- und Elektrowerte zur Zeit nicht allzu interessant, aber da man wohl nicht fehl in der Annahme geht, daß eines Tages wieder Kapitalerhöhungen vorgenommen werden müssen, wird man auch hier auf seine Kosten kommen. Wer Wert auf eine möglichst gute Rendite legt, sehe sich auf dem Montanmarkt um. Es bestehen große Aussichten, daß viele Konzerne trotz der zweifellos verschlechterten Geschäftslage bereit sein werden, ihre Vorjahresdividenden aufrechtzuerhalten. Das heißt, daß sich bei Mannesmann zu einem Kurs von 180 v. H. und bei einer 10prozentigen Dividende eine Rendite von rund 5,3 v. H. ergibt. Das ist über Durchschnitt!

Bis zur nächsten Woche! Ihr Securius