Am 10. Januar 1959 soll das organisierte bargeldlose Tanken in der Bundesrepublik möglich werden. Seit Wochen wird die Öffentlichkeit (besonders natürlich die Kraftwagenbenutzer und die Tankstellen) bearbeitet, dem in München gegründeten "Tankring e. V." beizutreten. Das finanzielle Rückgrat des Tankringes ist die "Organisationsgesellschaft bargeldlos tanken mbH", an der zu 99 v. H. das Vorstandsmitglied der Held & Francke Bau-AG, München, Dipl.-Ing. H. Noris, (gleichzeitig Kommanditist des Bankhauses Lenz & Co, München) und zu 1 v. H. der genannte Tankring beteiligt ist.

Die Idee für den Tankring lieferte Dipl.-Ing. G. A. Weise, jetzt Geschäftsführer der Organisation. Gewisse Vorbilder für das bargeldlose Tanken gibt es in den USA; aber hier handelt es sich vorwiegend um einen Markenservice, der von der jeweiligen Mineralölgesellschaft unterhalten und finanziert wird. Die Mitglieder der deutschen Organisation sollen hingegen an allen angeschlossenen Tankstellen tanken können. Eine Ausdehnung dieses Systems auf die wichtigsten europäischen Reiseländer wird erstrebt.

Das neue System bietet dem Kraftfahrzeugbenutzer die Möglichkeit, seinen Brennstoff zu beziehen, ohne sofort bezahlen zu müssen. Er händigt lediglich dem Tankwart einen ihm von der Organisation übergebenen Schlüssel aus, den dieser für die Spezial-Registrierkasse braucht und nach dem Gebrauch zurückgibt. Eine Bescheinigung über den jeweiligen Rechnungsbetrag wird dem Kraftfahrzeugbenutzer ausgehändigt. Auf diese Weise können auch der Pflegedienst und kleinere Reparaturen (bis 80 DM) registriert und zunächst kreditiert werden. Dem Kraftfahrzeugbenutzer wird monatlich eine Abrechnung über die ihm gewährten Leistungen zugestellt, die dann von ihm auf dem üblichen Wege zu begleichen ist. Die Vorteile für den Kraftfahrzeugfahrer liegen auf der Hand:’ bargeldloses Zahlen, schnelle Abfertigung, einfache Buchführung, kein lästiges Aufheben der vielen Quittungen mehr. Die einzigen Gegenleistungen: Jahresbeitrag von 5 DM und 3 DM für den Tankring-Schlüssel.

Geteilt ist die Freude über die neue Organisation bei den Tankstellen, denn auf ihren Rücken wird die Angelegenheit vorerst praktisch finanziert. Sie hat dem Tankring eine Umsatzprovision von 1 Pf je Liter auf den über den Tankring abgerechneten Kraftstoff bzw. für Schmierstoffe und Service-Leistungen den entsprechenden Prozentsatz zu gewähren. – Außerdem muß die Tankstelle den (Lochkarten bedienenden) Kassenapparat zum Preise von 584 DM anschaffen. Dazu kommen noch Hinweisschilder und andere Kleinigkeiten. Gesamtinvestitionsbetrag für die Tankstelle: Rund 750 DM.

Die Vorteile der Organisation sind für die Tankstelle weniger deutlich sichtbar (und auch umstrittener als für den Kraftfahrer). Nicht hinwegzuleugnen ist allerdings, daß sich die Tankstellen in Zukunft weitgehend von den Kosten der Kreditgewährung an Stammkunden entlasten können. Der Kraftfahrer scheint in zunehmenden Maße die bargeldlose Zahlung größerer Sanmelrechnungen der Barzahlung jeder kleinen Einzelrechnung vorzuziehen. Größere Kunden verlangen überdies auch Skonto. Das Risiko der Kreditgewährung übelnimmt der Tankring. Aber was geschieht, wenn die jetzigen "Tanker auf Kredit" dem Tankring nicht beitreten und sich auch von dem Tankstellenbesitzer nicht in diese Organisation hineinkomplimentieren

lassen? Dann gibt es für die Tankstellen drei Sorten von Kunden, erstens solche, die wie auch jetzt barzahlen, zweitens die "teureren" Kunden, die weiterhin auf Kredit tanken, und drittens die "bargeldlos Tankenden’, bei denen 1 Pf weniger verdient wird.

Der Fachverband Tankstellen und Garagen hat deshalb seine Mitglieder vor einem Beitritt zu der neuen Organisation gewarnt: "Betriebe, in denen der Rechenstift regiert, werden sehr schnell feststellen, daß ihre Kalkulation keine neue Belastung mit unnützen Unkosten verträgt!" Und auch die Mineralölfirmen sind keineswegs über die im Entstehen begriffene Einrichtung begeistert. Auch sie warnen die Tankstellenbesitzer: "Wir glauben auf die Dauer nicht an einen Absatzvorteil. Wir können nur festhalten, sich diesen Kreditorganisationen gegenüber ablehnend zu verhalten und keine Verpflichtungen einzugehen, weil die hieraus sich ergebenden Belastungen von den Tankstellen allein zu tragen wären und von uns nicht übernommen werden können!" Den Tankstellen wird also klar gesagt, daß ihre von den Mineralölgesellschaften einzuräumende Provision, um die seit langem hart gekämpft wird, nicht um den "verlorenen" Pfennig vergrößert werden wird.