Besuch in meiner Heimat, aus der ich mit 14 Jahren vertrieben wurde

Von Gunther Nippa

Um 7.45 Uhr fuhr der Personenzug von Warschau nach Deutsch-Eylau ab, und um 11.30 Uhr passierten wir Thorn und die Weichsel: Die Heimat rückte näher. Meine Augen brannten, weil ich seit Tagen nicht aus den Kleidern gekommen war und wenig geschlafen hatte. Als der Zug wieder hielt, las ich an einem zerfallenen Holzschuppen in verwaschenen Buchstaben den Namen Bischofswerder. Das ist nicht weit von Deutsch-Eylau, das sich heute Iawa nennt. Und nun begann für mich die Erfüllung eines über lange Jahre geträumten Traumes: des Wunschtraumes, meine ostpreußische Heimat wiederzusehen, die ich 1945 – kaum vierzehn Jahre alt – als Flüchtling verlassen mußte. Über dreizehn Jahre habe ich gebraucht, bis mit Hilfe eines Einladungsbriefes aus diesem Wunsch Wahrheit wurde.

Zunächst hatte ich diesen Brief bei der polnischen Militärmission in Westberlin eingereicht, die mir, als ich mit einer Antwort kaum noch rechnete, drei Visa-Anträge zusandte. Ein halbes Jahr später traf die Reisegenehmigung ein. Ich nahm Urlaub, und meine große Reise von Berlin nach Allenstein (566 Kilometer) begann.

Der einzige Zug nach Warschau fährt täglich um 21.08 Uhr ab Berlin-Ostbahnhof. Die DDR-Beamten waren auffallend freundlich und prüften nur oberflächlich. Nur die Polizei leuchtete unter jeden Sitz. Nachts, als wir in Frankfurt ankamen, forderten Transparente und Lautsprecher, wie nun seit einem Jahrzehnt schon, zum Kampf gegen die "imperialistische Adenauer-Clique" auf. Auf beiden Seiten des Zuges stand ein schwerbewaffneter Kordon von Vopos, und Offiziere liefen am Bahnsteig entlang und leuchteten unter und über die Wagen.

Kontrollen ohne Ende

Weiterfahrt und zehn Minuten später in Slubice. dem heute polnischen Stadtteil Frankfurts. Wir stellten unsere Uhren um eine Stunde vor. Neue Kontrollen, diesmal allerdings in polnischer Sprache. Brieftaschen und Koffer wurden bis in die letzte Ecke durchwühlt, alle Hemden kräftig geschüttelt, als seien Flöhe darin. Weggenommen wurde nichts; denn man darf heute schon eine ganze Menge Geschenke in den Osten mitnehmen. Dann rumpelte der Zug auf dem schlechten Unterbau weiter durch die Nacht. An Schlaf war nicht zu denken, weil es immer wieder etwas zu kontrollieren gab, bis wir schließlich in Posen ankamen. Dort teilten sich die deutschen Reisenden. Einige fuhren nach Stettin, einige nach Danzig, die meisten nach Oberschlesien; denn für alle Reisenden in die polnisch verwalteten Gebiete ist Posen der vorgeschriebene Umsteigebahnhof. Meine Fahrkarte übrigens war von Berlin bis zur Grenze in Rubel und russischer Sprache ausgestellt, für die polnische Strecke in Zlotys. Die Währung der DDR will anscheinend niemand haben.