Von Thilo Koch

Berlin, im Oktober

Das Straßenbild der Städte in Mitteldeutschland wird mehr und mehr beherrscht von einer für die Sowjetzone noch ziemlich neuartigen Erscheinung: Von Fernsehantennen. Seit etwa drei Jahren hat die Ulbricht-Regierung das Programm zum Ausbau eines starken Fernsehnetzes mit beträchtlichem finanziellem Aufwand betrieben. Nach dem V. Parteitag im Sommer dieses Jahres faßte Professor Hermann Ley, der Rundfunk- und Fernsehchef der "DDR", seine Ziele in folgendem Satz zusammen: "In ständiger unversöhnlicher Auseinandersetzung mit der imperialistischen Ideologie werden wir auch weiterhin dazu beitragen, den Marxismus-Leninismus zu verbreiten und den Revisionismus zu überwinden."

Für diese Ziele stehen der SED jetzt – was das Fernsehen angeht – Fernsehsender in Berlin, Leipzig, Dresden, Chemnitz, Marlow bei Stralsund, auf dem Inselberg, auf dem Brocken, Hesterberg und Cottbus zur Verfügung. Diese Sender haben auch die erklärte Aufgabe, in die Bundesrepublik hineinzuwirken. Eine besondere Sendung nennt sich "Tele-Studio West". Hier wird etwa eine Gefängniswand gezeigt, und vor diesem Hintergrund laufen, untermalt mit dumpfen Trommelklängen, Rolltitel ab, mit Namen von Kommunisten, die in Strafvollzugsanstalten der Bundesrepublik nach dem Verbot der kommunistischen Partei Strafen verbüßen.

Den größten Raum im umfangreichen Tagesprogramm des "Deutschen Fernsehfunks" beanspruchen Sendungen für die Jugend. Es gibt nur ein zentrales Programm für die ganze Sowjetzone; es kommt aus Berlin-Adlershof. Durch diese Zentralisierung werden die finanziellen Mittel und alle programmatischen Möglichkeiten "schwerpunktmäßig" gesteuert. Der "Deutsche Fernsehfunk" strahlt täglich mindestens so viel Programm aus, wie das "Deutsche Fernsehen" aller Rundfunkanstalten der Bundesrepublik zusammengenommen.

Eine Attraktion sind vor allem die neuesten, aber auch gute alte DEFA-Filme. Die Filmindustrie ist ebenso wie der gesamte Rundfunk in der DDR eine staatliche Institution; kaufmännische Erwägungen spielen keine Rolle, Konkurrenz gibt es nicht.

Wie in der Sowjetunion verlegte sich auch in der deutschen Sowjetzone das Fernsehen zunächst auf Unterhaltung. Es galt erst einmal für das neue Mittel zu werben. Der Verkauf von Fernsehempfängern wurde zusätzlich dadurch begünstigt, daß die Preise staatlich subventioniert sind. Schon für DM (Ost) 640 kann der "DDR-Bürger" einen Empfänger kaufen. Der Bildschirm ist nicht groß, aber die Nachfrage übertrifft die Produktion. Nach dem "Statistischen Jahrbuch der DDR" waren im Jahre 1957 bereits 159 490 Empfänger angemeldet. (Die Vergleichszahl in der Bundesrepublik für 1957 liegt bei 1 Million.)