Nach dem Berufshandel hat jetzt auf den Aktienmärkten auch ein Teil der Bankenkundschaft Gewinne realisiert. Da andererseits die Käufer zurückhaltend geworden sind und sich die Ausländer unter dem Eindruck des vorübergehenden Rückschlages in Wall Street vom deutschen Wertpapiermarkt fernhielten, kam es seitweise zu merklich rückläufigen Kursen; eine Bewegung, die am Wochenbeginn noch nicht gestoppt schien. Dennoch ist die Börse alles andere als "schwach gestimmt". Man hält aber offenbar die jetzt erreichten Kurse für weitgehend ausgereizt und will abwarten, inwieweit die bereits in den Notierungen vorweggenommenen optimistischen Erwartungen nun auch tatsächlich in Erfüllung gehen. Die Spekulation disponiert auf eine Periode mehr oder weniger großer Schwankungen. Das setzt ein gewisses Maß an Liquidität voraus, das, durch Gewinnrealisationen geschaffen wird. Ob die Hoffnungen, eines Tages später billiger "einsteigen" zu können, Wirklichkeit werden, läßt sich zur Zeit noch nicht absehen. Nach den Erfahrungen der letzten Tage scheint es so zu sein, daß sich zu den rückläufigen, Kursen immer wieder Käufer finden, unter denen sich wahrscheinlich vorwiegend die Investment-Gesellschaften befinden, deren Zertifikat-Absatz erheblich ist und die infolgedessen fortwährend auf die Vermehrung ihrer Aktienbestände bedacht sein müssen. Der am 15. Oktober aufgelegte Adifonds konnte in den ersten drei Tagen seines Bestehens Zertifikate im Gegenwert von 24,5 Mill. DM placieren. Sicherlich läßt sich ein solcher Verkaufserfolg nicht verallgemeinern, aber er zeigt doch, wie groß das Interesse für Investment-Zertifikate immer noch ist. Nicht nur unter den eigentlichen Wertpapiersparern, sondern auch bei den Versicherungsgesellschaften, Pensionsfonds und anderen Einrichtungen, die ein ständiges Anlagebedürfnis haben.

Ein Überblick über die Märkte zeigt, daß sich die großen Standardpapiere relativ gut behaupten können. Dazu gehören auch die Bank-Aktien, die kaum Rückschläge hinzunehmen hatten. Kursstützend sind hier die Dividendenerwartungen, die trotz Schmälerung der Zinsspanne recht hoch geschraubt sind. Als Standard-Bankendividende für das Jahr 1958 nennt man den Satz von 14 v. H. Das mag manchem Laien als sehr hoch erscheinen. Wenn man jedoch die hohen Rücklagen der Banken zum Eigenkapital hinzurechnet, dann sind die erwirtschafteten Überschüsse nicht übermäßig hoch. Die Optik der hohen Bankdividenden ist ein Resultat der ansehnlichen Reservepolster, die wieder gebildet werden konnten.

Die Kurse der Montane sind für schwächere Tendenzen naturgemäß besonders anfällig. Die von den Gewerkschaften wieder angefachte Beschäftigungsdiskussion, in der von einer erheblichen Arbeitslosigkeit im Winter gesprochen wird, hat manchen Aktionär erschreckt. In dem weitverbreiteten Pessimismus gehen alle positiven Nachrichten aus dem Bereich von Eisen und Stahl unter. So hatte der Schlußabsatz des in dieser Ausgabe der ZEIT veröffentlichten Mannesmann-Prospekts, der von einer etwa gleichgebliebenen Ertragslage berichtet, keinerlei Wirkung auf die Börse, obwohl aus ihm doch wohl auf eine mindestens gleichbleibende Dividende für 1958, also auf 10 v. H., geschlossen werden kann. Die unentwegten Optimisten sind sogar der Ansicht, daß bei gleichbleibenden Erträgen und gesenkter Körperschaftsteuer für ausgeschüttete Gewinne sogar noch eine kleine Dividendenerhöhung durchsetzbar wäre.

Nicht ganz unbedeutend für die Aktienentwicklung ist die Zukunft des Rentenmarktes. Entscheidend ist dabei die Frage, ob es der Bundesbank gelingt, den Zins weiter zu senken. Dem Normalanleger ist hier das Tempo in den vergangenen Monaten zu schnell gegangen. Er läßt sich jetzt Zeit. Von dieser Seite wird man in den nächsten Monaten also kaum neue Impulse erwarten dürfen. Auf einem anderen Blatt steht, inwieweit die Banken veranlaßt werden können, einen Teil ihrer flüssigen Mittel auf dem Rentenmarkt unterzubringen. Die Bundesbank hat zweifellos die Möglichkeit, einen indirekten Druck auszuüben. Doch würde sie damit eine sehr gefährliche Lage schaffen, die sich eines Tages übel auf den Rentenmarkt auswirken kann. Renten sind keine Geldmarktpapiere, sondern müssen echt placiert werden. Wird es anders gemacht, dann riskiert man, daß das frisch gezimmerte Gebäude unseres Kapitalmarktes plötzlich wie ein Kartenhaus zusammensinkt. Kurt Wendt