-ge, Bremen

Einmal im Jahr sind die Bremer, so wollen es die Fremdenverkehrsprospekte weismachen, "nicht wiederzuerkennen": Während des traditionellen Freimarktes in der zweiten Oktoberhälfte. Dieses 900 Jahre alte Volksfest hat sich in letzter Zeit eine Reihe schmückender Beiworte zugelegt. Oktoberfest des Nordens sagen die einen, Die zwölf tollen Tage die anderen. Und die Werbeleute suchen den Eindruck zu erwecken, die "sturen" Bremer entließen während des Freimarktes ihr in Wahrheit überschäumendes Temperament aus der strengen Zucht hanseatischer Wert- und Moralbegriffe.

Wer den bremischen Nationalcharakter kennt, weiß, daß solche Sprüche zum Teil wenigstens auf das Konto jener fremdenverkehrsfördernden Phantasien zu buchen sind, denen schon Wilhelm Hauff im weltberühmten Ratskeller nachhing. Richtig ist freilich, daß die Bremer während der Freimarktstage auftauen. Sie werden dann gesprächig und oft auch auf geräuschvolle Art lustig. Alle Lokale sind überfüllt, und selbst im Ratskeller wird zum Tanz aufgespielt. Aber viel mehr passiert nicht.

Seit einigen Jahren ist der Freimarkt ein halboffizielles Ereignis. So leitete auch am Sonntag wieder; Bürgerschaftspräsident Hagedorn die lustigen Tage mit einer Fidelitas gewidmeten Ansprache ein. Fünf Kapellen – darunter eine aus Holland – gaben den Auftakt zum Fest. Etwa 1,5 Millionen Besucher erwarten die Bremer in diesem Jahr zum Freimarkt.

Das Treiben an der Weser ist sehr viel gedämpfter als das Treiben an der Isar – aber immerhin.