Auf die Frage, was er von der Vorstellung halte, die arabischen Völkerschaften könnten sich eines Tages unter einem Fez zusammenfinden, gab der sagenumwobene Lawrence von Arabien einmal die bündige Antwort: "Das ist die Vorstellung eines Irren."

Letzte Woche, als jene arabische Front von Casablanca bis Bagdad unversehens wieder auseinanderbrach, die mit dem Beitritt Tunesiens und Marokkos zur Arabischen Liga vor drei Wochen erst zustande gekommen war, hatte es den Anschein, als sollte Oberst Lawrence aufs neue recht behalten. Knappe vierzehn Tage nach seinem Einschwenken scherte Tunesien wieder aus dem Liga-Konvoi aus: Der tunesische Staatschef steuert wieder auf Gegenkurs. Vorigen Mittwoch brach er die diplomatischen Beziehungen zu Kairo ab.

Welcher Art die Auseinandersetzungen zwischen dem streitbaren Habib Burgiba und seinem ägyptischen Gegenspieler eigentlich waren, die dem kurzen Oktober-Flirt der beiden ein so abruptes Ende setzten, ist schwer zu erhellen. Tatsache ist, daß Burgibas Delegierter bei der Tagung der Arabischen Liga in Kairo vor zehn Tagen schwere Vorwürfe gegen Nasser richtete. "Die Arabische Liga", so forderte er, "muß verhindern, daß eins ihrer Mitglieder der Versuchung erliegt, die anderen zu beherrschen, und so tut, als besäße es das Monopol der Wahrheit; das würde unausweichlich zu einer neuen Form des Kolonialismus führen."

Die Ägypter fühlten sich – nicht ohne Ursache – durch diese Worte getroffen und verließen protestierend den Sitzungssaal. Burgiba aber mußte eine Abstimmungsniederlage einstecken: Alle übrigen Ligamitglieder – einschließlich des maghrebinischen Schwesterstaates Marokko – unterzeichneten eine Resolution, in der die Ägypter gebeten wurden, wieder an den Sitzungen teilzunehmen; sie ließen überdies die anstößigen Bemerkungen aus dem Protokoll streichen. Daraufhin boykottierten nun die Tunesier die Liga. Der Bruch mit Nasser folgte drei Tage später.

Jetzt herrscht zwischen Kairo und Tunis Kalter Krieg. Die ägyptischen Zeitungs- und Rundfunkstationen prangern Burgiba als einen neuen Nuri es Said an: "Es kann wohl kein schlimmeres Schicksal geben als dasjenige, welches über den Verräter Burgiba hereinbrechen wird."

Auf der anderen Bühne, im tunesischen Parlament, setzte sich Burgiba kräftig zur Wehr. "Ich bin ein Anhänger des Westens und werde es bleiben", bekannte er. Und er brachte gegen Nasser von neuem die alte Klage vor, Kairo gewähre dem östlich orientierten tunesischen Widersacher Burgibas, Ben Jussef – der die Ermordung des Staatschefs in Tunis plane – Gastfreundschaft.

Der Grund für den plötzlich ausgebrochenen Konflikt? Nicht wenige suchen ihn in Burgibas verletzter Eigenliebe, die sie für manche seiner jüngsten Schwenkungen und Schwankungen verantwortlich machen. Die Erklärung ist nicht unwahrscheinlich. In Washington ist die Besorgnis laut geworden, der tunesische Staatschef habe sich in einem Augenblick, da es in seinem Lande wirtschaftlich nicht zum besten steht und die antiwestlichen Elemente sich aufsässig zeigen, auf einen unnötigen Kraftakt eingelassen.