Von Götz Bergander

Ob Tito die Fremden aus "kapitalistischen" Staaten nun gern sieht oder nicht – er schätzt ihre harten Devisen. Dem schlauen Außenseiter in Belgrad sind Pfunde und D-Mark in der Hand lieber als Grübeleien über die ideologische Schädlichkeit westlicher Touristen. Viele Reisende aus der Bundesrepublik waren schon in der widerspenstigen Volksrepublik. Nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Belgrad erwartete man ein Nachlassen dieser Reiselust, doch im vergangenen Sommer rauschte die Flut der Autos und Sonderzüge lustig weiter nach Südosten. Wer Sonne suchte und sich über die italienischen Preise ärgerte, tat gut darin, sich durch die Prestigemanöver hoher Politiker nicht aus dem Reisekonzept bringen zu lassen. Denn es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Tito bekommt seine Devisen, und wir erholen uns immer noch billiger als an jedem vergleichbaren mediterranen Strand.

Die Formalitäten vor dem Aufbruch sind rasch erledigt. Man beantragt ein Visum und erhält es nach 24 Stunden. In der Bank tauscht man D-Mark gegen Dinare ein; allerdings darf man nur 3000 Dinar in 100-Dinar-Scheinen mitnehmen. Jetzt beginnt nämlich das Geschäft des jugoslawischen Staates: die Bank in Deutschland zahlt den offiziellen Kurs, für eine Mark 125 Dinar. Der Kurs in Jugoslawien ist aber nur 95 Dinar für eine Mark. Mit 3000 Dinar kommt der Besucher nicht weit, deshalb ist er gezwungen, in Jugoslawien noch einmal Geld für 95 Dinar pro Mark umzuwechseln.

Es war in Rijeka. Wir irrten in glühend heißen Straßen umher und fragten nach dem Wechselbüro. Ein schläfriger Schuhputzer erklärte den Weg. Neben ihm löste sich eine bis dahin regios an der schattigen Hauswand lehnende Figur vom kühlen Stein und murmelte etwas von Mark und Dinar. Flinker Blick nach rechts und links: Er tot für eine Mark 150 Dinar. Das war verlockend, aber die von der Angst gestützte Korrektheit siegte; wir lehnten ab. Der Mann wurde eindringlich. Er allein habe das Risiko, er käme ins Gefängnis, würde man ihn erwischen. Mindestens acht Monate, bei Dollar sogar zwei Jahre. Der Dollarkurs findet respektvolle Beachtung im jugoslawischen Strafrecht, das aber sicher auch für schwarzhandelnde Ausländer einschlägige Paragraphen kennt. –

Rijeka war ehedem, als Italien noch imperiale Großmachtträume hatte, eine zweigeteilte Stadt. Die eine Hälfte hieß Fiume, die andere Susak. In Fiume saßen die Italiener, in Susak die Jugoslawen, sie neideten einander jedes Haus und jede Straße. Ein dunkles Kanalwasser trennte die Stadtteile. Über dem einst trennenden Kanal wurde eine Plattform errichtet, und ein Kriegerdenkmal steht just am Ort früherer Schmach. Nichts soll mehr an den früheren Zustand erinnern.

So hat Rijeka eine besondere Bedeutung für Jugoslawien. Sie wuchs, nachdem die Italiener Triest wieder einheimsten. Mit Triest ging ein wichtiger Hochseehafen verloren; Rijeka mußte dessen Aufgaben erfüllen, es partizipierte am finanziellen Golfstrom der amerikanischen Wirtschaftshilfe. Reihenweise schossen hochmoderne Wohnhäuser aus dem felsigen Boden, in erklaren, selbstverständlichen Schönheit, welche die zeitgenössische Architektur Südeuropas auszeichnet. Auch in der Kunst hat Jugoslawien die ideologisch haltlos begründeten Schnörkel Moskaus nicht mitgemacht. Leider folgt es auf andere Art dem östlichen Vorbild. Bewohnt werden die neuen Häuser überwiegend von Funktionären. Sie kommen oft aus ganz entfernten Gegenden des Landes. Nun haben die Jugoslawen einen starken Familiensinn, das Wort der Mutter gilt auch dem prinzipienfestesten Funktionär mehr als zehn Anordnungen der Partei. Der Sohn, der auf den Fittichen der Partei zu Amt und Würden und ins elegante Haus nach Rijeka geschwebt ist, versucht, die meist sehr zahlreiche Familie mit Onkeln, Tanten, Vettern und Kusinen nachzuziehen. Und wen der Einflußreiche nicht unterbringen kann, der kehrt auch nicht gern in das heimatliche bosnische Bergdorf zurück. Lieber drückt er sich im Café herum und versucht es ein bißchen mit Devisen, Gold, Uhren, Schmuck, Nylons, Stoffen... wozu gibt es schließlich in Rijeka Touristen und Matrosen.

Rijeka war überfüllt. Das Hochhaus-Hotel glich einer uneinnehmbaren Festung. Im "Jadran" das Achselzucken eines desinteressierten Portiers. Erst der Hinweis, man habe vor zwanzig Jahren mit den Eltern in eben diesem Hotel, als es noch "Reez" hieß, gewohnt, verwandelte den mürrischen, staatlich angestellten Schlüsselverwalter in einen liebenswürdigen Berater. Was denn zu Diensten stehe – plötzlich hatte er Zimmer. Bitte schön: Aussicht zum Meer, eigener Badestrand, Doppelbettzimmer 16 Mark die Nacht. Ja, ja, nickte er, vor zwanzig Jahren, ja, ja! Das Hotel präsentierte sich peinlich sauber, die Mahlzeiten im benachbarten Gartenrestaurant waren gut und reichlich. Hier wohnte und aß man erstklassig für das gleiche Geld, das man an der französischen oder italienischen Riviera für ein Zwei-Personen-Gedeck gezahlt hätte.