Zu Hause hatte uns jemand erzählt, man müsse auf die Insel Krk, suche man Ruhe, unberührte Natur und keine Zusammenballungen von Landsleuten. Im Hafen von Rijeka lagen kleine und große Schiffe. Ein ganz feines trug den Namen "Proleterka". Wir bestiegen einen redlichen alten Dampfer, die "Makarska". Das Schiff barst beinahe von Menschen: alte und junge Bäuerinnen, ganz in Schwarz gekleidet; Fischer, Bauern, Zigeuner, zerlumpt, aber würdig; Kinderknäuel; wunderschöne, stark geschminkte Frauen, die unaufhörlich Zigaretten rauchten; eine Handvoll wohlsituierter Jugoslawen auf Ferienreise. Und dann ein Ehepaar, das merkwürdig abstach. Beide um die Sechzig, beide unverkennbar amerikanisch gekleidet, das typische Drugstorebesitzerpaar aus einer Kleinstadt. Also Amerikaner – doch sie redeten jugoslawisch. Es waren zwei jener seltenen Exemplare zurückgekehrter Auswanderer. Amerikanische Staatsbürger, die nun hier in der alten Heimat ihren Lebensabend verbringen wollen.

Endstation des Dampfers und Ziel unserer Reise war Malinska auf Krk. Eine herrliche Zypresse von 25 Meter Höhe ist der Eiffelturm des Ortes. Im Miniaturhafenbecken liegen kleine Boote, rundum ein- bis viergeschossige Häuser, Buden und Blätterlauben – ein reizendes Bild. Die Sauna der Überfahrt ging über in ländliche Backofenhitze. "Sie können hier nicht bleiben", sagte man uns im winzigen Touristenbüro, dessen einzige Attraktion ausgezeichnete Plakate waren. "... alles besetzt." Schließlich ging es doch. Freilich, auch Malinska litt an saisonbedingter Überfülle, zum Glück nicht am Strand. Eine Reisegesellschaft, die mit dem Bayern-Expreß gekommen war, hatte den Ort okkupiert. Wir waren wieder mitten unter Landsleuten.

Warum müssen eigentlich unsere Kabarettisten und Karikaturisten recht behalten? Warum laufen manche Deutsche im Ausland so herum, wie sie es daheim nicht wagen würden? Warum schreien sie im Restaurant? Warum krakeelen die Männer abends im Weinlokal, daß der billige Wein das einzig Akzeptable an diesem Balkan sei? Und warum steigt ihnen mit dem Alkohol die unverarbeitete Vergangenheit in das getrübte Hirn und macht sich Luft im Grölen sonst vergessener Soldatenlieder? Einzelfälle? Gewiß, aber typische. Sie sind wieder da, nicht im Panzer, aber im eigenen Wagen und im Luxusbus... weil sie so tüchtig sind.

Das alles ist in Malinska geschehen. Man sieht dort auch noch ausgebrannte und von Einschlägen zerschundene Häuser. Im Krieg landeten Partisanen auf der Insel und kämpften die deutsche Besatzung erbarmungslos nieder; nur ein Soldat kam mit dem Leben davon. Ein Tourist aus Nürnberg folgerte: "Da hören Sie es, die anderen waren auch nicht besser als wir." Die Jugoslawen sind guten Willens, das Geschehene zu vergessen. Deutschland profitiert – wie bei den Polen und Tschechoslowaken – davon, daß die Sorgen der Gegenwart die bösen Erinnerungen zurückgedrängt haben.

Titos Kommunismus ist zwar flexibel, aber er hat die Begleitumstände des Zentralismus. Alle Hotels, alle Geschäfte sind verstaatlicht. Der Atem der Planwirtschaft, der größere Städte; wie Belgrad, Zagreb, Rijeka oder das verstaubte Modebad Opatija (Abbazzia) mühsam belebt, dringt nur schwach in die Verästelungen der Provinz, geschweige auf die Küsteninseln.. In Malinska gab es beispielsweise keinen Fisch, obwohl Nacht für Nacht die Laternchen der Fischerboote über dem Wasser geisterten. Der Fang ging nach Rijeka und fand von dort die 25 Kilometer nach Malinska nicht zurück.

Stammgäste bringen ihren Wirtsleuten Sachwerte mit: Schuhe, Hemden und Anzüge gegen Verrechnung; gestattet ist es offiziell nicht. Auf diese Weise waren sogar "Schnorchel", Tauchermasken, in den Besitz der Einheimischen gekommen. Ein solches Gerät braucht man unbedingt. Das Wasser ist glasklar und bis in finstere Tiefen durchsichtig. Schon dieses Wasser würde die Reise lohnen. Auf der Luftmatratze treiben, hinunterspähen durch die Glasscheibe in ein geheimnisvolles Reich sanft schlingernder Pflanzen, tarnfarbiger und bunter Fische, lackschwarzer Seeigel, seltsamer Krebse und Muscheln. Der Strand ist hier steinig, man erreicht das Meer erst nach einer kleinen Klettertour über scharfkantige Klippen. Dann aber, besonders, wenn man weiter an der Küste entlang gelaufen ist, herrscht man ungestört über einen weiten Strand, richtet sich ein und denkt genüßlich daran, daß anderswo die Menschen sich gegenseitig Sonne, Luft und Wasser streitig machen. Jeder hat "seine" Klippe. Zypressen, Pinien, Palmen, langnadlige Kiefern säumen die Klippen. Und Stille. So bleibt es hoffentlich in Malinska.

"Bristol-Hotel-Kempinski" lautet der neue Name des alten "Kempinski-Hotels" am "Kurfürstendamm" in Westberlin. Damit soll die alte Tradition des ehemaligen Hotel Bristol in der berühmten Straße "Unter den Linden" fortgeführt werden. Das Hotel ist erheblich vergrößert worden.