Die SPD hat es nicht leicht. Seit den Tagen des Hauptmanns von Köpenick war für sie das Bekenntnis zum Zivilisten oberstes Gebot. Aus dem Argwohn gegen den Militarismus und die "schimmernde Wehr" Wilhelm II. wurde unbemerkt die Aversion gegen alles Militärische. So wurde die SPD mitschuldig daran, daß die Reichswehr Weimar-Deutschlands – immer mehr in die Isolierung gedrückt – jeden Kontakt mit dem politischen Leben und dem Staatsbürger verlor.

Die heutige Führung der Sozialdemokraten ist sich dieses historischen Versäumnisses durchaus bewußt. Aber diese Erkenntnis ist noch nicht durch alle Etagen des Parteiapparates durchgesickert, und so läßt denn die Bereitschaft der "Genossen und Funktionäre im Lande", an die Erler in der vorigen Woche appellierte, noch zu wünschen übrig. Sie können sich offenbar nicht entschließen, so rasch mit der alten Tradition zu brechen.

Auf allen Parteitagen der Sozialdemokratie spielte die Frage nach dem Verhältnis zur Wehrpolitik und zur Bundeswehr eine entscheidende Rolle. Immer und immer wieder ist in den verschiedensten Gremien um die Einstellung zu diesen Fragen schwer gerungen worden. Fragen, die darum besonders kompliziert sind, weil sie sich schließlich von der Wehr- und Außenpolitik kaum trennen lassen.

So muß man es denn aufrichtig begrüßen, daß die SPD sich jetzt entschlossen hat, ihren Parteimitgliedern nahezulegen, in die Bundeswehr einzutreten. Tatsächlich haben sich die SPD-Bundesabgeordneten Berkhan sowie Helmuth Schmidt, der dem Vorstand der Partei angehört, freiwillig zur Reserveübung gemeldet und die Uniform bereits angezogen.

Unter diesen Umständen (jetzt also, da es also endlich soweit ist, daß die Sozialdemokratie sich zu einer positiven Einstellung zur Bundeswehr durchzuringen scheint) ist es besonders bedauerlich, daß der Bundeskanzler die Eröffnung des hessischen Wahlkampfes in Darmstadt dazu benutzt hat, gerade die Einsichtigen in der SPD mit einem Eimer kalten Wassers zu übergießen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, hat Dr. Adenauer die Aufforderung der Bundestagsfraktion an die Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei, in die Bundeswehr einzutreten, als geradezu unverantwortlich bezeichnet, wenn die Sozialdemokraten nicht gleichzeitig bereit seien, der Bundeswehr die notwendigenWaffen zu geben, um einem Angriff entgegentreten zu können.

"Die notwendigen Waffen", damit dürften ja wohl atomare Waffen gemeint sein. Nun hat zwar die Bundesregierung im März beschlossen, die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen auszurüsten für den Fall, daß keine allgemein kontrollierte Abrüstung zu erreichen sei, und diese Entscheidung gilt natürlich. Stellt man aber die Frage, welche Waffen für Deutschland "notwendige Waffen" sind – so notwendig, daß man den der sie nicht will, unverantwortlich nennen konnte (so unverantwortlich wie etwa den General, der seine Truppe ohne Sanitäter ins Feld ziehen ließe) –, stellt man also die Frage so, dann läßt sie sich nicht beantworten. Es gibt nämlich keine Instanz, die da sagen könnte, es ist moralisch "unverantwortlich", seine Soldaten nicht mit Atomwaffen auszurüsten.

Abgesehen von der sachlichen Fragwürdigkeit jener Behauptung aber ist es doch sehr bedauerlich, daß der Parteiführer Adenauer so eindeutig die Oberhand gewann über den Bundeskanzler Adenauer. Jene in Darmstadt gesprochenen Sätze mögen vom wahltaktischen Standpunkt aus ein Erfolg sein, für das Klima der deutschen Innenpolitik aber waren sie gerade in diesem Moment ganz gewiß schädlich. Solche Aussprüche, die den Radikalen in der SPD Auftrieb geben, sind wie ein Dolch in den Rücken der verständigungsbereiten und gemäßigten Kräfte der Partei. Das ist. bedauerlich, denn wesentlich wichtiger als ein CDU-Sieg im hessischen Wahlkampf dürfte doch wohl der parteipolitische Frieden in unserer Armee sein. Marion Gräfin Dönhoff