II. Selbstporträt eines beflissenen Managers des Massenmordes – Der Henker von Auschwitz führte Buch

In diesen Tagen hat in Warschau der Prozeß gegen den ehemaligen Gauleiter von Ostpreußen, Erich Koch, begonnen, und in Bonn sitzen zwei SS-Schergen, denen Tausende von Morden vorgeworfen werden, vor ihren deutschen Richtern. Die Verbrechen, die vor zwei oder vor anderthalb Jahrzehnten im Auftrage jenes "Führers" begangen wurden, der sich auf den Willen des deutschen Volkes berief, lasten als noch "unbewältigte Vergangenheit" auf uns allen. Wichtigen und klärenden Aufschluß über Wesensart und Motive der Menschen, die damals die nationalsozialistischen Untaten lenkten und organisierten, geben die Aufzeichnungen des 1947 in Polen hingerichteten Leiters des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höß. Die ZEIT veröffentlicht heute weitere Auszüge am der grausigen Autobiographie des Kommandanten in Auschwitz, des Managers des Massenmordes.

Ich kam nach Dachau, wurde wieder Rekrut mit allen Freuden und Leiden, wurde selbst Ausbilder. Das Soldatenleben nahm mich gefangen. Doch im Unterricht, bei den Belehrungen hörte ich von den "Staatsfeinden", von den Häftlingen hinter dem Draht, über den Umgang mit ihnen, über die Bewachung, über Waffengebrauch und die Gefährlichkeit der "Staatsfeinde", wie sie Theodor Eicke nannte (der damals Kommandant in Dachau, später Inspekteur aller Konzentrationslager und Führer der SS-Wachverbände – Totenkopfverbände – war. – Red.). Ich sah die Häftlinge bei der Arbeit, beim Aus- und Einrücken. Und ich hörte über sie von den Kameraden, die schon seit 1933 im Lager Dienst taten.

Genau erinnerlich ist mir die erste Prügelstrafe, die ich sah. Nach Eickes Anordnung mußte beim Vollzug dieser körperlichen Züchtigung mindestens eine Kompanie der Truppe zugegen sein. Zwei Häftlinge, die in der Kantine Zigaretten gestohlen hatten, waren zu je 25 Stockhieben verurteilt. Die Truppe war im offenen Viereck angetreten, unter Gewehr. In der Mitte stand der Prügelstock. Die beiden Häftlinge wurden von Blockführern vorgeführt. Es erschien der Kommandant. Schutzhaftlagerführer und der dienstälteste Kompanieführer meldeten. Der Rapportführer verlas den Straftenor, und der erste Häftling, ein kleiner verstockter Arbeitsscheuer, mußte sich auf den Block legen. Zwei Mann aus der Truppe hielten Kopf und Hände fest, und zwei Blockführer vollzogen, Schlag um Schlag wechselnd, die Strafe. Der Häftling gab keinen Laut von sich. Anders der zweite, ein starker, breiter "Politischer". Schon beim ersten Hieb schrie er wild auf und wollte sich losreißen. Es blieb auch beim Schreien, bis zum letzten Schlag, obwohl ihm der Kommandant mehrmals zurief, still zu sein. Ich stand im ersten Glied und war nun gezwungen, den ganzen Vorgang genau anzusehen. Ich sage gezwungen, denn hätte ich in einem hinteren Glied gestanden, hätte ich nicht hingesehen. Mich durchlief es kalt und heiß, als die Schreierei begann. Ja, der ganze Vorgang, schon beim ersten, ließ mich schaudern. Ich war später bei der ersten Exekution bei Kriegsbeginn* nicht so erregt wie bei dieser körperlichen Züchtigung. Eine Erklärung hierfür kann ich nicht finden. Als Rapportführer, als Schutzhaftlagerführer mußte ich dabeisein. Gern habe ich es nicht getan. Als Kommandant, als der ich selbst die Prügelstrafe beantragte, war ich selten zugegen.

Die böswilligen, bösartigen, grundschlechten, rohen, niederträchtigen, gemeinen Naturen sehen in dem Gefangenen nur ein Objekt, an dem sie ihre oft perversen Triebe, ihre Launen, ihre Minderwertigkeitskomplexe hemmungslos, widerstandslos auslassen können. Sie kennen weder Mitleid noch ein anderes wärmeres Mitgefühl. Jede nur sich bietende Gelegenheit nehmen sie wahr, um die ihnen anvertrauten Gefangenen und besonders diejenigen, die sie nicht leiden, nicht ausstehen können, zu quälen. Angefangen von der kleinsten-Schikane über die ganze Skala ihrer oft widerwärtigen Machenschaften, ihrer finsteren Triebe bis zu den schwersten Mißhandlungen, je nach Veranlagung solcher Kreaturen. Besonders befriedigt sie die seelische Qual ihrer Opfer. Kein noch so scharfes Verbot hält sie von ihrem bösen Treiben ab. Nur der Druck der Aufsicht hemmt sie in der Art des Quälens. Sie sind dauernd auf der Suche nach neuen Methoden seelischer wie körperlicher Torturen. Wehe den ihnen überlassenen Gefangenen, wenn diese finsteren Kreaturen Vorgesetzte haben, die ihre bösen Neigungen dulden oder sie gar noch, aus der gleichen Veranlagung heraus, anstacheln.

Eickes Absicht war, seine SS-Männer durch seine dauernden Belehrungen und entsprechenden Befehle über die verbrecherische Gefährlichkeit der Häftlinge von Grund auf gegen die Häftlinge einzustellen, sie auf die Häftlinge "scharf zu machen", jegliche Mitleidsregung von vornherein zu unterdrücken. Er erzeugte damit, durch seine Dauereinwirkung in dieser Richtung, gerade bei den primitiven Naturen einen Haß. eine Antipathie gegen die Häftlinge, die für Außenstehende unvorstellbar ist. Diese Einstellung hat sich in alle Konzentrationslager, auf alle dort diensttuenden SS-Männer und Führer weiterverbreitet, weitervererbt, noch viele Jahre nach Eickes Abgang als Inspektor. Aus dieser Haßeinstellung heraus sind all die Quälereien, die Mißhandlungen der Häftlinge in den Konzentrationslagern zu erklären.

Schule des "Hartmachens"