Von Rudolf Walter Leonhardt

Für Donnerstag steht auf dem Programm der Theaterleute, die sich zur "Sechsten Dramaturgentagung 1958" in München treffen: "Das Übersetzungsproblem als geistige Aufgabe."

Es ist gut, wenn das Übersetzungsproblem wieder einmal hervorgehoben wird, und beruhigend, daß ein so erfahrener Philologe wie Wolfgang Schadewaldt das Hauptreferat halten soll.

Die Formulierung des Themas jedoch und auch die Herkunft des Referenten lassen fürchten, daß man sich, von den klugen Worten des großen Altphilologen getragen, in ein Nephelokokkygia des Geistes, ein Wolkenkuckucksheim der Unverbindlichkeiten emporschwingen könnte – und daß darüber die eigentlichen, die handfesten Probiene des Übersetzens (auf dem Theater wie anderswo) zu kurz kämen. Zahlreich beschworene Geister dienen ja oft einer Vernebelung der Wirklichkeiten.

Übersetzen als "geistige Aufgabe" ist so weit gefaßt, daß es alles – und gar nichts bedeutet. Von praktischer Bedeutung sind vielmehr – ganz prizise gesagt – die ökonomischen und die philologischen Aufgaben. Sie treten bei den alten, den toten Sprachen (die der Münchener Referent akademisch vertritt) weniger hervor. Bei den neuen Sprachen heißt es Farbe bekennen.

Mögen die in München Versammelten den Mut dazu finden. Sie hätten dann folgende Erfahrungstatsachen zu diskutieren:

1. Die deutsche Gebrauchsliteratur besteht heute zu drei Vierteln aus Übersetzungsliteratur.