Es gehört gegenwärtig für die Amerikaner zum guten Ton, sich über die Automobile aus Detroit lustig zu machen. Weite Kreise scheinen tatsächlich von den Chrom-Sauriern mit "eingebauter Veraltung" genug zu haben und das Automobil sieht mehr als ein Weg zum sozialen Prestige aufzufassen, sondern vor allem als ein möglichst praktisches Transportmittel. Der unverminderte Anstieg des Imports von ausländischen Kleinwagen bestätigt diese Tendenz.

All dies scheint jedoch Detroit nicht besonders zu erschüttern. Man hat zwar ein sehr schlechtes Jahr hinter sich, wurden doch bis Ende September nur 2,8 Millionen Autos produziert, gegenüber 4,7 Millionen in der gleichen Zeit des Vorjahres. Wenn die jetzt vom Fließband kommenden neuen Modelle nicht einen ganz außerordentlichen Verkaufserfolg erzielen, so wird 1958 das schlechteste Jahr seit 1948 sein. Auf jeden Fall wird aber die Produktion kaum mehr als die Hälfte der Rekordproduktion von 1955 betragen, als nahezu 8 Millionen Automobile produziert – und verkauft wurden. Viele Leute sind der Meinung, daß dieser Rückschlag nicht in erster Linie der Recession, sondern anderen Ursachen zuzuschreiben sei, nämlich dem Widerstand der Käufer gegen das sinnlose "styling" und die höher und höher werdenden Preise.

Seit Jahren folgt Detroit der Devise: Niedriger, länger, stärker und teurer. Von diesem Prinzip ist man dieses Jahr nicht nur nicht abgekommen, sondern hat es auf eine kaum mehr überbietbare Spitze getrieben. Die neuen Modelle sind linger, niedriger, stärker und teurer als je. Um diese unüberbietbaren Glanzstücke moderner Sinnlosigkeit millionenweise von den Fließbändern rollen lassen zu können, hat die Automobilindustrie, in den letzten Wochen sage und schreibe 750 Millionen Dollar für die Produktionsumstellung ausgegeben. Zweifellos ein Zeichen von gesundem Optimismus – besonders wenn man bedenkt, daß einige Firmen 1960 einen Kleinwagen auf den Markt zu bringen gedenken. Diese Nachricht wird den Verkauf der neuen Schlachtschiffe kaum fördern.

Nachdem sich die Autoindustrie in den letzten Jahren, besonders aber 1958, auch mit wissenschaftlich fundierten Prognosen die Finger verbrannt hat, ist Detroit mit "forecasts" der Prodaktions- und Verkaufszahlen vorsichtig geworden. Jedoch läßt sich den Reden, die anläßlich der Einführung der neuen Modelle gehalten wurden, entnehmen, daß die Industrie für das kommende Jahr mit einer Produktion von 5,5 bis 6 Millionen Automobilen rechnet, d. h. mindestens zwanzig Prozent mehr als 1958. Folgende Faktoren dürften für die optimistische Prognose verantwortlich sein:

1. Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage: Daß die Recession vorbei und ein neuer Aufschwung eingeleitet ist, bezweifelt in den Vereinigten Staaten niemand mehr ernstlich. Die Automobilindustrie hofft, daß der Aufschwung das Vertrauen zurückbringen und das Publikum weniger vorsichtig in seinen Ausgaben und Abzahlungsgeschäften machen wird. Eine Möglichkeit, die nicht von der Hand zu weisen ist. Man dürfte allerdings auch in Detroit sehr genau wissen, daß steigendes Einkommen und steigende Kaufkraft nicht auch unbedingt steigenden Absatz von Automobilen zur Folge haben. Vergleicht man beispielsweise das sog. persönliche verfügbare Einkommen (nach Abzug der Steuern) mit den Produktions- und Verkaufszahlen für Automobile, so wird klar, daß zwischen den beiden Größen keine feste Beziehung besteht. So war im ersten Halbjahr 1958 das persönliche verfügbare Einkommen trotz der "Recession" ebenso hoch wie in der entsprechenden Periode des Vorjahres.

2. Die finanzielle Lage der Konsumenten. Es liegen verschiedene Anzeichen dafür vor, daß sich die finanzielle Lage des Publikum in den vergangenen Monaten stark gebessert hat. Dies kann grundsätzlich auf zwei Wegen geschehen: Erstens durch eine Abnahme der Konsumentenverschuldung und zweitens durch eine Zunahme der verfügbaren liquiden Mittel, hauptsächlich in Form von Spardepositen.

Was die Konsumentenverschuldung anbetrifft, so hat der seit Kriegsende beinahe ununterbrochen andauernde Anstieg sein Ende gefunden. Zwischen Ende 1957 und Ende Juli 1958 sank die gesamte Konsumenten Verschuldung um 1,8 Mrd. Dollar auf 43 Mrd. Dollar, d. h. auf einen gleichhohen Stand wie ein Jahr vorher. Mehr als die Hälfte dieses Rückgangs entfiel auf die Abzahlungskredite für Automobile. Auf der anderen Seite haben die Spardepositen in letzter Zeit in ganz ungewöhnlichem Maß zugenommen.