Von Johannes Jacobi

Hugo von Hofmannsthal war in seinen reifen Jahren ein unzeitgemäßer Dichter. Als der Expressionismus modern war, schrieb er Komödien aus der österreichischen Adelswelt. Auch heute passen seine Stücke, soweit sie keine Strauß-Opern wurden, nicht in die offizielle Literaturlandschaft des Theaters. Dennoch kann Hofmannsthal die Zuschauer beglücken, wie nur wenige der allzu wenigen deutschsprachigen Komödiendichter. Seinen Texten muß das Theater die Zunge lösen.

Solch ein Zauberer von Hofmannsthals Gnaden ist der Regisseur Heinz Hilpert. Von Göttingen aus verbreiteten seine Neuinszenierungen des "Schwierigen" und des "Unbestechlichen" Hilperts Hofmannsthal-Ruhm. Die neue Spielzeit des "Deutschen Theaters in Göttingen hat Hilpert mit "Cristinas Heimreise" eröffnet. Jetzt studierte er diese Casanova-Komödie auch mit den Hamburger Staatsschauspielern ein und verhalf dem Schauspielhaus (in Jan Schlubachs Bühnenbildern) zu einem ersten Höhepunkt der Wintersaison.

Das Stück brachte Max Reinhardt derart in Verlegenheit, daß ihm der berühmte Regisseur bei der Berliner Aufführung einfach den letzten Akt strich. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte auch das Berliner Schillertheater wenig Glück mit "Cristinas Heimreise". Warum nun jubelt jedes Parkett, wenn Hilpert Hofmannsthal inszeniert?

Er nimmt den leichten Text so ernst, wie er dasteht, obwohl das aus der Theatergeschichte hervorlugende Vorbild Goldonis den Regisseur zu komödiantischen Improvisationen verführen könnte. Dieses Lustspiel der schnurrenden Dialoge bietet eine banale Verführungsstory und das schmerzlich verzichtende "Glück" von zwei an den Rand gespülten Menschen auf goldenen Theaterschalen dar, Sie heißen Geschliffenheit der Konversation und scharfe Situationskonturen. Dazwischen blitzen das Geplapper leichter Mädchen und die Komik einer Spröden vom Lande, der Sprachsalat eines mexikanischen Mischlings in Venedig sowie "Menschen im Hotel".

Hilperts Geheimnis: Nichts spielt er als "Gag" aus. Fast pedantisch wahrt er die Ökonomie des Werkes, bringt damit dessen Eleganz heraus. Regie, die nicht sichtbar und deshalb vollkommen ist.

An ihren Früchten kann man, sie dennoch erkennen, an den Schauspielern nämlich. Sebastian Fischer ist der Liebhaber par excellence. Unter Hilperts Händen hat seine Formsicherheit eine Geschmeidigkeit, eine von innen sprudelnde Frische gewonnen, so daß diesem Casanova (der hier Florindo heißt) gegenüber sogar die Frauen im Parkett entzückt zur Nachsicht gestimmt sein dürften. Solveig Thomas sucht in Hamburg seit langem einen neuen (oder ihren eigenen?) Ton. Als Cristina hatte sie ihn plötzlich und "stimmte" Unter Hilperts Führung wagte Max Eckard (als Schiffskapitän a. D., der nach einer Ehefrau ausschaut) den ersten Schritt ins ältere Fach, Ein wenig stolpernd zunächst. Im letzten Akt war er ein neuer Eckard. Herrlich.