Aus Japan sind fünf schwarze Vögel angekommen, die bunte Schwingen haben. An sechs deutschen Theatern erschienen sie gleichzeitig, sechs andere wollen sie ebenfalls aufnehmen.

"Fünf Moderne Nô-Spiele" heißen die seitsamen Stücke, Yukio Mishima ihr Verfasser. Er ist 33 Jahre alt und ein Vertreter jenes Japan, das am Schock des verlorenen Krieges leidet. Nun sucht es sein Heil im Westen, in der Nachahmung Europas und Amerikas. Manche ausländische Beobachter haben den Eindruck gewonnen, daß bei dieser Umwälzung bewußt die eigene Kultursubstanz preisgegeben wird.

Die poetisch-szenischen Gebilde, die sich als "moderne Nô-Spiele" bezeichnen, üben auf Europäer eine so spontane Wirkung aus, wie es die alten Nô-Spiele nie vermochten. Das "No-Theater", das aus dem 14. Jahrhundert als "Kunst-Theater" überliefert ist, wird sogar in Japan nur von einer Zuschauer-Elite verstanden. Volkstümlicher sind seit dem 16. Jahrhundert die Puppenspiele und das grobsinnliche Kabuki-Theater. Das echte Nô-Spiel wird von seinen Kennern geschildert als hochstilisierte, mit Masken darzubietende, ästhetisch-rituelle Abwandlung eines immer gleichen, formelhaft konzentrierten Themenkreises. Esoterische Kunst also, Bestandteil nationaler und religiöser Tradition.

Bemerkenswert: Die Reformbestrebungen des japanischen Theaters setzen heute just bei den No-Spielen an, im "Grenzbereich zwischen Leben und Tod". Offenbar werden dabei verschiedene Wege eingeschlagen. Im Juli 1957 waren drei andere neue No-Spiele aus der Feder von Junyi Kinoshita in Deutschland zu sehen (Aufführung in Bielefeld, ZEIT Nr. 30/1957). Dieser japanische Literaturprofessor (der in Tokio Englisch lehrt) möchte an das Beispiel der abendländischen Klassik anknüpfen und eine japanische Parallele dazu ziehen. Wie die Themen und Figuren der griechischen Mythologie jedem gebildeten Europäer vertraut sind, wenn sich vor einer klassischen Tragödie der Vorhang hebt, so will Kinoshita aus japanischen Stoffen zwar modernisierte, doch nach wie vor in der eigenen Tradition wurzelnde "Kunst-Spiele" schaffen. Auf deutsche Zuschauer vermochten gleichwohl "Die Tarnkappe", "Die Meditation" und "Kranichfeder" keine unmittelbare Wirkung auszuüben – wenigstens in Bielefeld nicht.

Mishimas fünf neue Nô-Spiele dagegen – Die hundertste Nacht, Die Damasttrommel, Das Traumkissen, Die Dame Aoi, Die getauschten Fächer – diese in vielerlei Hinsicht den westlichen. Zuschauer verblüffenden, ja bewegenden Einakter "kommen bei uns an", weil ihre geistige Grundlage westlich ist. Hier hat sich ein derartiger Substanzwandel vollzogen, daß man fast sagen möchte: Es ist nur noch ein Zufall, daß diese Stückvon einem Japaner stammen. Saroyan oder Schehadé könnten sie – sieht man auf Stoff und Form – ebensogut verfaßt haben, sofern der amerikanische Armenier oder der französische Libanese sich japanischer Motive hätten bedienen wollen.

Greifen wir eins von Mishimas fünf Spielen heraus. "Die hundertste Nacht" hat als Szene einen öffentlichen Park. Ein uraltes Weib sammelt Zigarettenstummel, vertreibt durch ihr Auftauchen Liebespärchen von den Bänken und kommt mit einem armen, ein wenig betrunkenen jungen Dichter ins Gespräch. Die Alte war einst eine berühmte Schönheit, "die Komachi". Vor achtzig Jahren machte ihr Hauptmann Fukakusa vom Generalstab den Hof, schrieb Gedichte über sie und vernachlässigte seinen Dienst. Hundert Nächte mußte er zu ihr kommen, bis sie ihn einmal erhörte. Die Komachi war eine kalte, herzlose Schönheit.

Im alten Nô-Spiel wurde die Vergangenheit im Gespräch mit einem Priester aufgeblättert. Der vom Leben durch Alter und Häßlichkeit gestraften "Schönheit" wurde dabei eine Hoffnung auf Erlösung gegeben. Im neuen Nô-Spiel läßt Mishima den jungen Dichter Hauptmann Fukakusas Rolle noch einmal spielen. Das Hutzelweib blüht für ihn zur Komachi auf. Der Dichter verliebt sich in ihre Herzlosigkeit. Die Alte spielt mit und steht zugleich daneben. Sie warnt den Dichter. Denn nun stirbt auch er an ihr. Sie aber bleibt – ohne Hoffnung auf Erlösung –, was sie vorher war: ein schmutziges Weib, das Zigarettenstummel sammelt.