Der Senior des Ruhrreviers hat in diesen Tagen seinen 200jährigen Geburtstag gefeiert. Der robuste Jubilar, der gerade vor einigen Jahren – allerdings mehr der Not gehorchend – einen neuen Lebensabschnitt begonnen hat, ist die Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Ihre Geschichte ist zugleich die Geschichte von Kohle, Eisen und Eisenverarbeitung.

Die Gutehoffnungshütte ist bereits in frühen Tagen der zielstrebige Schrittmacher des vertikalen Verbundes gewesen und hat die Entwicklung des Ruhrreviers entscheidend beeinflußt. Firmen, die das Unternehmen gegründet und aufgebaut haben, sind als Pioniere der gesamten Montanwirtschaft an der Ruhr in die Geschichte eingegangen. Zur Gründergeneration gehörten Männer wie Gottlob Jacobi, Gerhard und Franz Haniel und Heinrich Huyssen, von denen jeder einzelne seinen verdienstvollen Beitrag für den Aufbau der jungen Montanwirtschaft geleistet hat.

Als ältestes Unternehmen der Schwerindustrie im Ruhrgebiet hat die Hütte St. Antony als Keimzelle des heutigen Unternehmens im Oktober 1758 ihre Produktion aufgenommen. Die eigentliche Geburtsstunde der Gutehoffnungshütte schlug indessen vor 150 Jahren, als sich die drei Hütten "St. Antony", "Gute Hoffnung" und "Neu Essen" zu der "Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen" zusammenschlössen. Mit dem "Societaets-Contract" aus dem Jahre 1808 begann auch die Zeit, in der die spätere Gutehoffnungshütte und mit ihr die Unternehmen an der Ruhr in die moderne Großindustrie hineinwuchsen. Mit der Umwandlung dieses Unternehmens in eine Aktiengesellschaft entsteht im Jahre 1873 der heutige Firmenname.

Die Entwicklung der Gutehoffnungshütte ist von Anbeginn an gekennzeichnet durch die organische Verflechtung von Eisenerzeugung und Eisenverarbeitung, und wenig später auch durch einen erfolgreichen Kohle-Stahl-Verbund. Je schmaler in jener ersten Entwicklungsphase die Erzgrundlage und je schwieriger die Beschaffung der Holzkohle zur Verhüttung der Eisenerze wurde, desto mehr wurde in Sterkrade die Eisenverarbeitung entwickelt. 1814 verließ die erste Dampfmaschine die Werkstätten der Gutehofnung in Sterkrade. Außer zahlreichen Gießereierzeugnissen stellte das junge Unternehmen in ersten Viertel des 19. Jahrhunderts Pumpen und Dampfkessel her. 1824 wurde die erste Fördermaschine gebaut, und im Jahre 1830 konnte in Ruhrort der erste – auf einer deutschen Wert erbaute – Rheindampfer vom Stapel laufen. Die Eisenverarbeitung gewann früh die ausschlaggebende Bedeutung für den Bestand des Unternehmens: sie sollte nach dem zweiten Weltkrieg sogar die einzige dem früheren Konzern verbliebene Säule sein.

Um die Mitte des vorigen Jahrhundert gliederte die Gutehoffnungshütte den Steinkohlenbergbau in den Organismus ihrer Produktion ein. Die Zeche Oberhausen wurde die erste Hüttenzeche des Ruhrreviers, und bereits 1884 konnte der gesamte Kohlenbedarf des Werkes aus eigener Förderung gedeckt werden. Der erste Kokshochofen war 1855 angeblasen worden. Bis zum ersten Weltkrieg war die Gutehoffnungshütte schon in aller Welt ein Begriff geworden. Erzeugnisse eines vielseitigen Fertigungsprogramms hatten den Namen des Unternehmens über die Grenzen hinausgetragen. Auch nach dem ersten Weltkrieg, as die Besetzung des Ruhrgebietes eine Lähmung des industriellen Lebens im rheinisch-westfälischen Wirtschaftsraum mit sich brachte, erwies sich der optimistische Name des Oberhausener Werkes als erfolgsstarker Talisman. Jetzt war es Paul Reusch, der die Geschicke der Gutehoffnungshütte lenkte. In vorausschauender Erkenntnis kommender Entwicklung formte er in dieser Zeit den eigentlichen GHH-Konzern, das "Werk aus einem Guß", dessen Kernstück nach wie vor die Gutehoffnungshütte war und blieb. Beteiligungen und Erwerbungen dienten der langfristigen Absatzsicherung.

Mit der Gründung der Deutsche Werft AG, Hamburg, erschloß sich das Werk ein besonderes Interessen- und Absatzgebiet. Durch wesentliche Beteiligungen an süddeutschen Unternehmungen kam in den Jahren 1919 bis 1924 ein neues Verarbeitungsinteresse in den Konzern, wovon die MAN-Beteiligung die wichtigste ist. Schließlich entstand 1930 die Ferrostaal UG in Essen als Pol für die Geschäftsverbindungen in allen wichtigen Ländern der Erde.

Weil sich das Werk Sterkrade als stark und lebenskräftig erwies, konnte die Gefahr der völligen Vernichtung, die dem Unternehmen nach dem Zusammenbruch 1945 durch Demontagen und Entflechtung drohte, abgewendet werden. Der Konzern ist zwar seiner Kohlen- und Stahlbasis beraubt worden, aber die jetzige Gutehoffnungshütte Sterkrade AG blieb – wenn auch nun nicht mehr zu den bedeutenden Montankonzernen, sondern ausschließlich zur Eisenverarbeitung gehörend – industrieller Schwerpunkt des Ruhrgebietes. In zwei Jahrhunderten hat sich die Unternehmensform so oft gewandelt, daß auch das heutige Getrennt-Marschieren des früher erfolgreich Verbundenen sicherlich kein Endzustand bleiben wird. Nmn.