Begegnung mit einem ungewöhnlichen Vertreter

Von Günter Dahl

Er kam am letzten Sonnabend mittags gegen zwölf. Er klingelte und fragte mit der Verbindlichkeit, die den Vertretern eigen ist, ob er mich ein paar Minuten sprechen könne. Seine Stimme warb um Vertrauen, sein Anzug war von unaufdringlicher Qualität. Er mochte Anfang vierzig sein. Ich bat ihn herein, denn er wies sich als Abgesandter der Gesellschaft aus, bei der ich gegen Krankheitsfälle versichert bin.

"Ich wollte Sie in Ihrem eigenen Interesse bitten, den mit unserer Gesellschaft vor drei Jahren abgeschlossenen Vertrag zu überprüfen und unseren Vorschlag zu studieren, durch einen anderen Tarif in den Genuß höherer Leistungen zu kommen, die den gesteigerten Krankenhauskosten Rechnung tragen." Das waren wohlgesetzte Worte. "Sie sind zur Zeit ausgesprochen unterversichert", fuhr er fort, "denn der Pflegesatz in der zweiten Klasse der Krankenhäuser beträgt heute 40 Mark, und Sie würden im Falle eines Falles gehörig aus eigener Tasche zuzahlen müssen."

Es fiel mir auf, daß er trotz der klaren Rede schrecklich unsicher war. Als er sagte, der Krankenhauspflegesatz läge bei vierzig Mark, wurde ich stutzig, denn ich weiß es besser.

"Es sind aber keine 40, sondern nur 25 Mark", hielt ich ihm entgegen, "und mit dieser Summe komme ich auch ohne Tariferhöhung ganz gut zurande." Ich nahm Papier und Bleistift und rechnete ihm das vor. Er wurde sehr blaß. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn.

Als er wieder anfing zu reden, merkte ich, welche Mühe es ihm kostete, ruhig zu bleiben.