Im Jahre 1950 starb in Gütersloh fast unbeachtet ein Mann, der in der Weimarer Republik einst zu den umstrittensten Politikern gehört hatte Artur Mahraun, einstiger Hochmeister jenes "Jungdeutschen Ordens", der im abkürzungsfreudigen Volksmund bald salopp zum "Jungdo" geworden war und dessen unter dem alten Deutschristerkreuz einhermarschierende, uniformierte Scharen damals die politische Bühne belebten.

Mahrauns Schicksal und das seines Ordens war, zvischen den Blöcken des Nationalsozialismus und seiner Gegner zerrieben zu werden. Den einen galt der Jungdo mit seiner romantischen Nachahmung des Mittelalters – so etwa der Gliederung in von einem "Komtur" geführte "Balleien" – einfach als einer jener Kampfbünde völkischen Anstrichs, die dem Nationalsozialismus den Weg bereiteten und dann zum Dank von diesem geschluckt wurden. Für das andere Bürgerkriegslager jedoch war der Orden ein listig getarnter "Helfershelfer des Systems", der sich mit den Weimarer Regierungsparteien zu arrangieren suchte und außenpolitisch gar mit dem Erbfeind Frankreich liebäugelte. Radikaler konnte man kaum zwischen Stuhl und Bank fallen. Ein junger Historiker will nun mit der ersten im Handel erscheinenden wissenschaftlichen Arbeit über Mahraun und Jungdo deren wahres Bild wiederherstellen:

Klaus Hornung: "Der Jungdeutsche Orden"; herausgegeben von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Bonn; Droste Verlag, Düsseldorf; 160 S., 20,– DM.

In geduldiger Befragung der Überlebenden und beharrlicher Durchackerung aller erreichbaren Quellen ist Hornung eine beachtliche zeitgeschichtliche Leistung gelungen: er zeigt das Doppelgesicit des Ordens auf, das ihn zwischen die Mühlsteine hat geraten lassen.

Einerseits gehörte dieser Orden zwar jener "bündisch-nationalen" Bewegung an, welche sich die Überwindung des überkommenen Parteienstaates zum Ziele gesetzt hatte. Andererseits war der Jungdo aber innerhalb dieser Bewegung die Gruppe, die am geringsten von den zum Totalitarismus führenden Ideologien beeinflußt war; der "idealistische Kulturstaat" in der Tradition der Stein, Fichte, Dahlmann blieb sein geistiger Richtpunkt. Das hütete Mahraun davor, sich in eine grundsätzliche Opposition gegen die Weimarer Republik zu verrennen. Und es führte zu jenem Versuch einer konstruktiven Mitarbeit, dem Jungdo von den andern Bünden als "Verrat" ausgelegt wurde: dem (allerdings kurzfristigen) Zusammenschluß von 1930 mit der Demokratischen Partei von Koch-Weser und Theodor Heuss zur "Deutschen Staatspartei".

Aus Hornungs sorgfältiger Rekonstruktion wird auch sichtbar, daß die gleich 1933 einsetzende Verfolgung Mahrauns und seiner Anhänger nicht einfach die Ausschaltung einer "Konkurrenz" war – der Nationalsozialismus hatte sehr wohl den Gegner erkannt, der ihm durch seinen Einfluß auf beträchtliche Teile der Jugend besonders gefährlich erscheinen müßte.

Die Beschäftigung mit dem Jungdeutschen Orden ist im übrigen nicht bloß eine historische Aufhellung des Leidensweges des Liberalismus in Deutschland. Mahrauns Erbe wirkt heute noch weiter in der in seinem alten Einzugsgebiet zwischen Niederrhein und Kieler Bucht nach 1945 neuentstandenen "Nachbarschaftsbewegung". Darüber unterrichtet das Buch eines Anhängers von Mahraun, welches übersichtlich das Material über die bewährte Arbeit dieser oft verkannten "Stillen im Lande" ausbreitet: