N-s, Travemünde, im Oktober

In Travemünde fand das Richtfest eines neuen Kurmittelhauses statt. Es wird das modernste seiner Art in den deutschen Seebädern sein. Der Lübecker Senator Dr. Timm und der Travemünder Kurdirektor Scharein berichteten auf dem Fest von einer Informationsfahrt, die sie in die Ostseebäder jenseits des Eisernen Vorhanges gemacht haben. Wir wissen wenig darüber, wie es in den Ferienorten "drüben" zugeht. Woher sollten wir auch! Eine große Zahl von Postkarten, die die beiden Herren mitbrachten, gingen von Hand zu Hand. Da sieht man in Heringsdorf einen "Kulturpalast" stalinistischen Stils. Man möchte meinen, das Gebäude stehe irgendwo auf der Krim. Daß es sich aber tatsächlich um Heringsdorf handelt, ist an den Resten der alten, kürzlich abgebrannten Seebrücke im Vordergrund zu erkennen. Eine merkwürdige Geschichte ist das, wie Heringsdorf zu diesem "Kulturpalast" kam, der vor allem durch einen hochmodernen Theatersaal mit 800 Plätzen prunkt. Die Sowjetarmee errichtete nach 1945 in Heringsdorf ein "Ferienparadies" für russische Familien. Es war hermetisch gegen die Umwelt abgeschlossen. Später wurde die gesamte Anlage der Sowjetzone übergeben.

Das einst so bekannte Atlantik-Hotel heißt jetzt "Erholungsheim Solidarität" und gehört dem "Freien Deutschen Gewerkschafts-Bund". Mehrere Betriebe der Zone haben ebenfalls Heime an der See. Heringsdorf war einst bekannt durch seine prachtvollen Villen aus der Gründerzeit. Eine davon heißt jetzt "Ferienheim Heinrich Mankewitz". Sie wird so apostrophiert: "Früher Sitz einer einzigen kapitalistischen Familie, heute Erholungsstätte vieler Schaffenden." Es ist eines der Häuser, das der Dichter Heinrich Mann in seinem Roman "Mutter Marie", der zum Teil in Heringsdorf spielt, beschrieben hat. Heinrich Mann fuhr einst jährlich immer wieder zur Sommerszeit in das "kapitalistische" Heringsdorf, das noch im Schatten der Bismarck-Warte lag – sie wurde nach 1945 gesprengt.

Das ist genau dreißig Jahre her, Jahre, die eine Welt veränderten. In Heringsdorf gibt es keine Heinrich-Mann-Erinnerungsstätte, dafür aber eine "Maxim-Gorki-Gedenkstätte". Zinnowitz hat ebenfalls einen Kulturpalast, der fremd und kolossal anmutet. Die "Wismut-A.G.", die Monopolgesellschaft des Uranbergbaues im Erzgebirge mit über 200 000 Beschäftigten, hat ihn erbaut und Zinnowitz damit zu einer ihrer Ferienzentralen gemacht.

Die beiden Herren aus Westdeutschland haben außer Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin und Zinnowitz noch die Rügenbäder Binz, Sellin und Göhren sowie die Bäder Warnemünde, Heiligendamm und Kühlungsborn besucht. Ihr Bericht vom Zustand der Häuser wird durch die mitgebrachten Bilder unterstrichen: Farbe ist knapp und teuer in der Zone. Außer bei den Heimen, die von den Gewerkschaften und Betrieben teils gekauft, teils gepachtet sind. Der Zustand der Straßen – ach, schweigen wir lieber...

Die Kurdirektoren heißen "drüben" Kulturdirektoren; sie sind für den Badebetrieb und die Unterhaltung der Gäste verantwortlich. Für die Kurmusik wird viel Geld ausgegeben: 60 000 bis 100 000 Ostmark je Orchester in der Saison. Dafür brauchen sich die Kulturdirektoren um Werbung nicht zu kümmern, denn 90 v. H. aller verfügbaren Betten werden ohnehin durch die Gewerkschaften und die Betriebsräte belegt. Alle vierzehn Tage, und zwar zehnmal in der Saison, wird die erholungsuchende Belegschaft gewechselt. Der gesamte Aufenthalt kostet für den "Schaffenden" 30 Ostmark; nur die 60 Pfennig Kurtaxe müssen extra bezahlt werden. Die Eisenbahn gibt für An- und Abreise eine große Ermäßigung. Nur 10 v. H. der verfügbaren Betten werden durch die staatlichen Reisebüros der Zone "frei" vergeben und die Menschen standen dort in der Reisesaison ab vier Uhr morgens Schlange.

Einige Zahlen spiegeln die Kapazität der Bäder wider. Binz hatte in der letzten Saison 25 000 Gäste, Kühlungsborn 62 000, Heringsdorf 42 000. Auslandsbesuch aus der Tschechoslowakei und Skandinavien hatten nur Heringsdorf (1200) und Warnemünde (800) aufzuweisen. (Als westliche Vergleichszahl: Travemünde hatte 52 000 Gäste, davon waren 13 000 Ausländer.) Was an Kurtaxen und Gebühren eingenommen wurde, ist ziemlich belanglos: Defizite der Bäderverwaltung bezahlt ja der Staat. Frage: "Gibt es dort auch Strandkörbe?" Die Antwort: Heringsdorf hat 3500 Strandkörbe – das westdeutsche Travemünde nur 1800.

In einem hohen Grade also ist der Urlaubsbetrieb drüben genormt. Man verreist nicht, man wird verschickt. Dennoch hat sich – wie die Kulturdirektoren klagen – neuerdings "ein ziemlich erheblicher Reise-Individualismus eingeführt". Das ist vor allem auf die Campingfreunde gemünzt, die in Zelten übernachten und der amtlichen Reiseapparatur ein Schnippchen schlagen. Der Mensch möchte gern nach seinem eigenen Geschmack verreisen – das Zelt wurde in der Zone zum Ausdruck des Reise-Individualismus.