Von Walter, Abendroth

Die Donaueschinger Musiktage verfolgen seit ihren Anfängen den Zweck, "die jüngste Entwicklung der neuen Musik darzustellen und zu fördern". Früher einmal ließ sich damit eine ziemlich klare Vorstellung verbinden: die einer schöpferischen Epoche. Seit langem ist das anders.

Es gibt keine "Epoche" mehr, und schon gar keine schöpferische. Es ist vielmehr wie bei dem internationalen Wettlauf um die Weltraumraketentechnik: Jedes Jahr muß in ein neues "bisher unerschlossenes Gebiet" vorgestoßen worden sein. Jedes Jahr müssen die "Ergebnisse" des vorigen überrundet werden. Die Komponisten, die an diesem Wettlauf teilzunehmen für lohnend halten, erschöpfen sich im permanenten Experiment. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn damit nicht der Anspruch verbunden wäre, bereits eine "neue Kunst" anerkannt haben zu wollen.

Allein dieser Anspruch ist mindestens verfrüht. Das technische Ingenium, das in allen diesen Versuchen zutage tritt, hat nichts mit schöpferischem Geist zu tun. Es unterscheidet sich davon wie Organisation von Organismus. Nie wird bei diesen Experimenten – einstweilen – ein lebendiger Organismus geboren. Dagegen kriecht Jahr für Jahr ein Homunkulus nach dem andern aus der geduldigen Retorte. Die Hersteller verachten Intuition und Inspiration, als "olle Kamellen".

Diesmal figurierten für die "jüngste Entwicklung" die Namen Karl-Heinz Stockhausen und Pierre Boulez. Was sie zu bieten hatten, war in anreißerischer Schaubudenausrufermanier angekündigt worden als "aufsehenerregende Überraschungen", "ganz neuartige Tonschöpfungen", "sensationelle Kompositionen" mit "wesentlich verstärktem Orchester". – Immer hereinspaziert, meine Herrschaften, hier sehen Sie die dickste Dame der Welt!

Worum es sich handelte? Um die Erforschung der Grenzbeziehungen zwischen "serieller", "punktueller" Instrumentalmusik und dem weiten Reich der elektronischen Klänge. Nicht zufällig geht es immer nur um "Klänge", nicht um musikalische Substanzen oder Gestalten. So erklärt Stockhausen selbst seine sogenannten "Gruppen für drei Orchester" als "Gruppen von Klängen, Geräuschen und Klanggeräuschen" in verschiedenen Tempi (es bleibt unausgesprochen, ob er zugibt, daß dabei von Musik als Kunst, als stilisierender Kraft, keine Rede sein kann). Und Boulez spricht – noch etwas geschwollener – von der "Organisation von chiffrierten Beziehungen" und dann wieder schlicht – ingenieurhaft von "Montage" (nämlich Klangmontage).

Beide kommen von der "seriellen" Kompositionsweise in diese Grenzgebiete. Was aber der Unterschied zwischen gewöhnlicher Zwölftonmusik Schönbergscher Tradition und "serieller" Musik ist, darum streiten sich die Fachgelehrten noch heftig. Die einen sagen, beides habe nichts miteinander zu tun. Andere sagen, es sei dasselbe oder mindestens das eine die "Konsequenz" des anderen. Diese Frage geht mithin das Publikum nichts an. Übrigens wird es sich darüber auch kaum erhitzen, sondern resigniert das eine zum andern legen.