"Die zwölf Geschworenen" in München

Es wird oft bestritten, daß der eigentliche Bazillus, der die periodisch wiederkehrenden Theaterkrisen hervorruft, "Produktionsschwäche" heiße. Warum aber sieht man im Publikum längst erloschen geglaubte elementare Theaterleidenschaft aufflammen, sobald ihm einmal ein wertvolles neues Stück begegnet? Und warum sieht man bei solcher Gelegenheit auch das beste Ensemble noch über sich selbst hinauswachsen?

In München sind die Kammerspiele mit einem bedeutenden Abend in die Spielzeit 1958/59 gestartet. Es war die Uraufführung eines Schauspiels, dessen Inhalt vielen Zuschauern schon bekannt war – nämlich von dem Film "Die zwölf Geschworenen" her, der nach demselben Fernsehspiel gedreht wurde, dem auch das neue Bühnenwerk nachgebildet ist. Reginald Roses Stück (in Hollywood verfilmt) hat schon vor vier Jahren einen ziemlich starken Eindruck gemacht. Im Schauspiel, das Horst Budjuhn jetzt danach formte, ist die Vorlage nicht verkürzt, sondern in einigen Partien noch ausgebaut.

So wurde ein echtes Kammerspiel daraus. Sein Vorzug ist es, eine Symphonie aus zwölf psychologischen Charakterstudien zu bieten, die zugleich zwölf Bombenrollen sind. Das Ganze ist obendrein die Verkündigung einer Botschaft der Menschlichkeit: Sprecht nicht schuldig, wenn die Schuld noch bezweifelt werden könnte!

Was geschieht schon hier auf der Bühne? Weiter nichts, als daß zwölf Männer zwei Stunden lang aufeinander einreden, bis der eine die elf anderen dahin gebracht hat, im Sinne obiger Mahnung auf "nicht schuldig" zu erkennen. Aber wie das geschieht, das ist schlechthin meisterhaft; mehr: es ist atemberaubend. Und Hans Schweikart, der Hausherr, konnte als Spielleiter auf dem Zwölf-Männer-Ensemble spielen wie auf einem Instrument. Es war, mit Kurt Meisel als dem ursprünglichen "einen" an der Spitze, ein Ensemble von lauter hinreißenden Solospielern – die dennoch vollkommen in der Sache aufgingen.

Manche Zuschauer ließen sich noch verführen, mehr Komik zu quittieren als geboten war. Aber die Mehrzahl kam schnell in Spannung, und am Schluß gab es Begeisterungsstürme, wie man sie sonst nur in der Oper für einen Star oder einen sagenumwobenen Schaudirigenten erlebt. A-th