H. W., Flensburg

Es gab eine Zeit, da marschierten die deutschen Butterkäufer in Fünferreihen bei Krusau und Padburg über die Grenze, um die begehrte billige dänische Butter zu kaufen. Sie stürmten die wenigen Kolonialwarenläden in den dänischen Grenzorten und stöhnten unter der Last ihrer prallgefüllten Einkaufstaschen, wenn sie wieder über die Grenze nach Deutschland zurückkehrten.

Das war im März 1958. Dann kam der große Butterstopp – jene Verfügung des Bundeswirtschaftsministeriums, wonach jeder Grenzgänger nur noch zwei Pfund mit über die Grenze nehmen durfte. Der Ansturm ließ nach, es wurde ruhiger an der Butterfront. Aber immer noch fahren Tausende und Abertausende butterhungriger Bundesdeutscher nach drüben, denn noch immer liegt der dänische Butterpreis erheblich unter dem deutschen.

Inzwischen hat sich jedoch das Gesicht der Grenze gewandelt. Wo damals drei Lebensmittelgeschäfte standen, stehen heute zwanzig oder dreißig. Wo damals zehn und zwanzig Verkäufer die Bundesdeutschen zuvorkommend bedienten, sind es heute fünfzig oder sechzig. Und wo die dänischen Kolonialwarenhändler im Frühjahr zuversichtlich auf ihre Kunden warteten, liegen sie heute schon an den Grenzübergängen mit Kleinbussen auf der Lauer, um die Deutschen gratis vor ihr Geschäft zu fahren. Einkaufstasche? Nicht nötig. Die Ware wird in einen hübschen, bedruckten Tragebeutel gepackt und der Kunde wird, wenn er will, kostenlos wieder an die Grenze zurückgefahren.

Zimperlich ist man also nicht jenseits der Grenze. Denn die harte deutsche Mark klingt auch in den dänischen Kassen gut. Am D-Mark-Segen wollten freilich auch die Kaufleute aus den weiter landeinwärts gelegenen Orten teilhaben. Sie charterten deshalb die Busse eines Flensburger Unternehmens und organisierten kostenlose Einkaufsfahrten nach Nordschleswig, Garantie: Mindestens zwei Stunden Fahrt. Die Busse waren immer voll und das Geschäft florierte, bis das schleswig-holsteinische Verkehrsministerium dem Flensburger Unternehmer die Fahrten verbot.

Keiner weiß, wie lange diese Goldgräber-Konjunktur andauert. Die Gemeindeverwaltung von Bau rechnet damit, daß mindestens 90 Prozent der Geschäfte schließen müssen, wenn die Konjunktur einmal, abklingt. Aber solange sie anhält, wollen alle mitnehmen, was nur irgend mitzunehmen geht. So schießen die Kolonialwarenläden weiter wie Pilze aus dem Boden. Schuppen und Garagen werden umgebaut, Butter- und Zucker-Automaten vor den Türen aufgestellt.

Die beiden deutschen Reedereien, deren Schiffe zwischen Flensburg und dem dänischen Fördeort Kollund verkehren, haben in diesen Tagen auf der Zwanzig-Minuten-Strecke ihren 600 000. Fahrgast des Jahres befördert. Diese Zahl liegt um ein Vielfaches über den Beförderungszahlen der letzten Jahre. Der Grund: Es gibt keinen billigeren und bequemeren Weg aus der Bundesrepublik in ein dänisches Lebensmittelgeschäft. Vor einem halben Jahr noch kostete die Rückfahrkarte nach Kollund 1,30 Mark, und die Schiffe waren nur mäßig voll. Damals befuhr nur eine Reederei die Butter-Linie. Dann setzte die Konkurrenz ein Schiff ein und senkte den Fahrpreis. Heute kostet die Rückfahrkarte 40 Pfennig, für Kinder die Hälfte.

Frau Petersen aus Flensburg ist zufrieden. Sie weiß, wo sie am billigsten einkauft. Und daß sie an Bord der Dampfer Zigaretten, Alkohol und Schokolade zollfrei kaufen kann, nimmt sie als willkommene Beigabe mit.