Von Hans Gresmnnn

Man muß dieses Gesicht ein wenig länger betrachten, damit der erste Eindruck, der auf Eitelkeit und Zynismus schließen läßt, sich verflüchtigt. Dann schimmern Traurigkeit und große Verzweiflung durch die dünne Maske unsicherer Lässigkeit.

Von Marek Hlasko, dem jungen polnischen Schriftsteller, der in seiner Heimat als einsamer Sprecher einer ganzen Generation gilt, haben bei uns im Westen manche Leute gehört als dem Autor des bis jetzt noch nicht aufgeführten deutschpolnischen Films "Der achte Wochentag". Und viele haben seinen Namen gelesen, als er kürzlich mit dem Warschauer Regime brach und im Berliner Notaufnahmelager Marienfelde um politisches Asyl bat.

Als das geschah, waren die behenden Vereinfacher schnell bereit, diesem ungebärdigen jungen Schriftsteller den Mantel des politischen Flüchtlings mitleidsvoll um die Schultern zu legen. Der Rebell wider den totalitären Staat, so hieß es, habe vor der roten Macht, gegen die er so lange kämpfte, nun schließlich kapituliert.

Zu sagen, Marek Hlasko sei ein Mann des Widerstandes gegen die kommunistische Herrschaft, ist gewiß nicht völlig falsch, aber es heißt, an der Wahrheit vorbeigreifen. Wohl mag es verführerisch sein, diesen Autor, der samt seinem Lorbeer frühen Ruhms zu uns hinübergewechselt ist, flugs in die Begriffsschublade zu stecken, die das Etikett trägt; Politische Opponenten Komma Literaten. Doch paßt Hlasko, der gegen die Gesellschaftsordnung, wie er sie vorfand, rebellierte, der seine Philippika anstimmte gegen die Partei, gegen die Katholische Kirche, gegen das Erziehungssystem, gegen Nationalisten im eigenen Lande – doch paßt er in eine solche Schublade gewiß nicht hinein.

Marek Hlasko wurde in Warschau geboren, als Hitler in Berlin die Macht ergriff. Er war sieben Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht in Polen eindrang, und er war eben dreizehn, als über seiner Heimat die rote Fahne hochging. Er verließ die Schule in einem Alter, in dem andere eben den Lehrsatz des Pythagoras zu begreifen lernen. Als Hausdiener in einer Nachtbar, als Taxichauffeur und zuletzt als Mechaniker boxte er sich jahrelang durch, was man übrigens bei dem hitzköpfigen Hünen, der er ist, ruhig wörtlich nehmen darf.

Dann, 1951, griff er ganz plötzlich zur Feder, begann aufzuschreiben, was er sah und empfand, versuchte seine Arbeiten bei Zeitungen und Filmgesellschaften loszuwerden – und hatte Erfolg, Doch noch gedieh sein literarisches Talent nur im Verborgenen. Mächtig konnte es sich erst entfalten, als im Oktober 1956 mit der Rückkehr Gomulkas nach Warschau freiere Tage für den Geist in Polen gekommen schienen. Hlasko veröffentlichte eine große Anzahl Erzählungen, die ihm schnell den Ruf eintrugen, Sprachrohr für Hunderttausende zu sein. Im Januar 1950 erhielt er für "Der erste Schritt in den Wolken" den wichtigsten polnischen Literaturpreis, den Preis der Verleger.