A ls ich vorgestern abend in einer der bekanntesten Geschäftsstraßen Hamburgs einherschlenderte, sah ich vor einem hellerleuchteten Schaufenster eine Traube von Menschen. Hinter der Scheibe ließen zwei hübsche junge Damen je einen bunten Reifen aus Kunststoff virtuos um ihre Hüften kreisen. So trat "Hula-Hopp" in mein Leben!

Was ich jemals an Hüftschwingungen bei hochbegabten Rumba-Tänzerinnen gesehen hatte, war nichts gegen die Hüft-Beweglichkeit, die dieses neue Reifenspiel von jenseits des Atlantik verspricht. Mit dem Hula-Hula-Tanz, den rassge eingeborene Mädchen auf Hawaii im Blätterroi, mit einer Blumenkette um Hals und Büste, den Fremden vorführen, haben diese Reifenübungen gemeinsam, daß sie stehend auf der Stelle ausgeführt werden. Sie setzen intelligente Hüften voraus. Der Bewegungsforscher der klassischen Richtung, Maurice Emanuel, hat errechnet, daß dem Menschen 95 140 Bewegungsmöglichkeiten der Glieder und Körperteile gegeben sind. Hula-Hopp ist die 95 141. Möglichkeit, die der Forscher, der vor der Kunststoff-Ära seine Untersuchungen durchführte, noch nicht berücksichtigt hatte.

In den USA soll es inzwischen mindestens 20 Millionen Hula-Hopp-Begeisterte geben. Ein neuer Massenwahn. Man sieht auf Bildern in Zeitschriften in großen Arenen Tausende von Reifen um ebensoviel höchst biegsame Hüften schwingen. Hula-Hopp wird gegen Managerkrankheit, gegen Störungen des Ehelebens, gegen Bewußtseinsspaltung und viele andere Leiden der Epoche als Universalmittel gepriesen. Es handelt sich um den größten emotionellen Triumph, den die Kunststoffindustrie bisher davontragen konnte. Wenn Stars im Fernsehen, mit einem Hula-Hopp-Reifen lässig um den Hals gehängt, erscheinen, haben sie schon gewonnen. Der Hula-Hopp-Reifen eroberte von den USA aus zunächst England. Jetzt steht das Geschäft in der Bundesrepublik bevor. In de Schaufenstern großer Läden liegen die bunte Kunststoffreifen, die einen Durchmesser von etwa einem Meter haben, bereits in großen Stapeln. Noch wissen viele bundesdeutsche Bürgerinne und Bürger nicht, was ihnen bevorsteht. Man legt sich den Reifen um die Körpermitte, gibt ihn einen Schwung und erhält ihn nun durch entsprechende Hüftbewegungen "am Schwingen’ In Amerika gibt es schon Hula-Hopp-Reifen (dort heißen sie Hula-Hoop) die, wie es die Brummkreisel der kleinen Kinder tun, bei Schwingen melodisch summen.

Hula-Hopp soll schlank machen! Dies Versprecht nun erhebt den Hula-Hopp-Reifen endgültig zu einem Bewegungsfetisch der Epoche. Auch ein bißchen Illusion von ewiger Jugend scheint man im Spiel zu sein. Da Stars mit Hula-Hopp in Publizity vermehren können, werden bald Man; ger und Pseudomanager im stillen Kämmerlein (muß heißen Studio) als tanzende Derwische mit einem bunten Reifen sich abmühen, up to date zu sein. Wir sind endgültig ins Zeitalter der Kuns Stoffe eingetreten. Auch die Requisiten des Massenwahns werden nun daraus gegossen.

Karl N. Nicolaus