Dd., Offenbach-Main

Sagen Sie mal“, so meditierte am 1. Oktober der Lokalkommentator der Tageszeitung „Offenbach Post“, „warum haben unsere Herren Väter eigentlich den Kaiser fortgejagt? Wer erzählt uns immer: früher in der Monarchie sei der Mensch bei uns nichts als ein Untertan gewesen, über dem hoch oben eine Beamtenschaft mit überzüchtetem Selbstbewußtsein saß! Verwöhnt haben sie ihn, den Untertan, verwöhnt und auf den Händen getragen! Sehen wir uns doch nur die Post mal an. Bei der Kaiserlichen Post, vor 1914, kam in Offenbach dreimal täglich ein Briefträger ins Haus. Nach 1918 kam er nur noch zweimal am Tage. Und heute kommt er nur noch ein einziges Mal... Ganze Industrien leben vom Bau und Verkauf moderner Küchen- und Waschgeräte. Es gibt Rolltreppen, Versandhäuser, Müllschlucker und Aufzüge sogar in Miethäusern. Die Eisenbahn hat ihre Sitzplätze in allen Wagenklassen gepolstert. Bei der Post freilich geht es anders, seit der Kaiser ging...“

Am gleichen Tag, an dem diese bewegte Klage in der Offenbach Post“ erschien, wurde in Offenbach die zweite Postzustellung abgeschafft – nicht nur samstags und montags (wie allerorts im Bundesgebiet), sondern auch dienstags, mittwochs, donnerstags und freitags. Offenbach ist seit dem 1. Oktober die einzige westdeutsche Großstadt, in der der Briefträger täglich nur einmal die Runde macht.

Oberpostrat Betche, Chef der Hauptpost am Aliceplatz, begründete diese Maßnahme mit „monatelangen sorgfältigen Untersuchungen“. Aus ihnen habe sich ergeben, daß „infolge der fahrplantechnisch besonders vorteilhaften Lage der Stadt die Sendungen aus fast allen Teilen der Bundesrepublik so rechtzeitig eingehen, daß sie noch vormittags zugestellt werden können“. Mit anderen Worten: ein Brief, der am Montagabend in Hamburg oder München eingeworfen werde, erreiche Offenbach auf jeden Fall am Dienstag früh, er könne vormittags zugestellt werden.

Die Lederfabrikanten und die übrigen Geschäftsleute in der Großstadt am linken Mainufer widersprechen dieser Behauptung des Amtsvorstehers. Am 7. Oktober um die Mittagszeit bekam Herr Engelhardt in der Geleitsstraße 74 einen Einschreibebrief aus Frankfurt mit Poststempel vom 2. Oktober. Am gleichen Tage ging bei Engelhardt junior ein Brief aus München mit Poststempel vom 1. Oktober ein.

Noch schlimmer erging es Dr. Joachim Berger am Aliceplatz. Er konnte an der Morgenfeier des Tierschutzvereins am Sonntag, dem 5. Oktober, nicht teilnehmen, weil die laut Poststempel am 30. September, 18 Uhr, in Offenbach abgesandte Einladung erst am 6. Oktober bei Dr. Berger in Offenbach eintraf.

Überhaupt scheinen Briefe innerhalb des Stadtbezirks grundsätzlich 48 Stunden unterwegs zu sein, wie die Redaktion der „Offenbach Post“ nach den Poststempeln der zahlreichen bei ihr eingetroffenen Beschwerdebriefe feststellt. Dies ist nun freilich nicht allein auf die Abschaffung der zweiten Postzustellung zurückzuführen, sondern auch darauf, daß die Post am 1. Oktober von der 48-Stunden-Woche zur 45-Stunden-Woche überging und daß die Zustellbezirke vergrößert, mit anderen Worten: Briefträger eingespart wurden.

Die Mißstände bei der Offenbacher Post sollen nun den Bundestag in der nächsten Fragestunde beschäftigen. Der SPD-Abgeordnete Heinrich Ritzel (Michelstadt) hat eine mündliche Anfrage vorbereitet. Dazu meinte sein CDU-Kollege Dr. Karl Kanka (Offenbach): „Die 519 Abgeordneten haben anderes zu tun, als sich über rein örtliche Angelegenheiten unterrichten zu lassen ...“

Inzwischen haben einige alte Offenbacher ihrer Zeitung mitgeteilt, die Post sei in der kaiserlichen Zeit nicht nur dreimal, sondern zeitweilig sogar fünfmal täglich zugestellt worden...