Der Koran, die "Bibel" des Islam, darf nicht ins Türkische übersetzt werden. So hat es jetzt der Beauftragte für Glaubensangelegenheiten beim Amt des Ministerpräsidenten der Türkei verfügt. Damit ist nach langer Zeit über den Antrag der Mohammedaner aus Thrazien, der türkischen Provinz auf dem Balkan, entschieden, die eine Übersetzung des Korans in ihre Sprache gewünscht hatten. Das Amt für Glaubensangelegenheiten argumentierte, der arabische Text dürfe nicht in die lateinische Schrift der modernen türkischen Sprache transkribiert werden, weil das lateinische Alphabet nicht den richtigen Sinn der Koran-Sprüche vermitteln könne.

Diese Entscheidung hat starken Widerspruch in der Öffentlichkeit ausgelöst. Universitätsprofessoren untersuchten die Frage in gelehrten Abhandlungen – und kamen zu einem entgegengesetzten Befund. Zu Wort gemeldet haben sich auch die kemalistischen Organisationen, die schon seit langem versuchen, neuen Geist und moderne Formen in den muselmanischen Glauben hineinzutragen.

Der Koran, die "Lesung", wurde nach dem Tode Mohammeds auf Weisung des ersten Kalifen Abu Bekr in arabischer Schriftsprache niedergeschrieben; er enthält Aussprüche und Reden des Propheten, wird aber von den Moslems als Wort Gottes angesehen. Der Sprecher ist Gott in den meisten der 114 Kapitel, den sogenannten Suren.

In der Disputation über eine türkische Koran-Übersetzung wies nun ein Fachgelehrter darauf hin, daß nach der Aussage von drei Suren der Originaltext des Korans sich im Himmel befinde. Der Text wurde dem Propheten mitgeteilt–-durch die Vermittlung eines Engels. Dieser aber, so brachte der Gelehrte hervor, habe nicht nur Arabisch, sondern natürlich auch die anderen semitischen Sprachen gekannt. Deshalb sei der arabische Koran-Text nicht von vornherein universal, also übersetzbar.

Ein anderer Gelehrter suchte im Geschichtlichen die Begründung für die Unübersetzbarkeit und Allgemeingültigkeit des arabischen Koran-Textes. Said ihn Tabit, Mohammeds Sekretär, hatte ihn niedergeschrieben; diese Aufzeichnung erhielt der Organisator des islamischen Reiches, Omar I., und nach seinem Tode ging sie über auf seine Tochter Hafsa, eine der Witwen des Propheten. Als in der Regierungszeit des Kalifen Utman ein Streit über die Texte ausbrach, wurde Sekretär Said aufs neue beauftragt, eine authentische Version niederzulegen. Abschriften davon wurden in alle wichtigen Städte des Reiches geschickt, und sämtliche früheren Codices wurden verbrannt, ausgenommen der von Hafsa. Diese Kopien werden von der ganzen islamischen Welt bis auf den heutigen Tag als alleingültige Standard-Texte angesehen. Sie seien also, so meint dieser Schriftgelehrte der Islamistik, ausdrücklich auf arabisch übermittelt worden und müßten so auch in Zukunft bleiben. Otto Tappen